ERSTES BUCH:
DAS PARADIES
Das Paradies ist dort, wo ich bin.
Voltaire
1
Tahiti, Juni 1769
Der helle Tag war noch nicht viele Stunden alt, doch die Sonne brannte schon heiß herab und ließ die Wasserfläche grell aufblitzen. Friedlich gluckste das türkisblaue Meer an die Außenwand des Bootes; in gleichförmigem Rhythmus klatschten die Ruder beim Eintauchen in das Wasser. Vom Kiel aufgeschreckt, huschten Schwärme von winzigen Fischen schattengleich vorüber.
«Weiter auf Backbord zuhalten, Mr. Pickersgill, wir brauchen mehr Abstand zum Riff.»
Lieutenant Zachary Hicks stand aufrecht in der schwankenden Pinasse, ein Bein auf die Reling gestellt, und suchte mit dem Fernrohr die vor ihnen liegende Küste ab.
«Geschützte Bucht backbord voraus, Sir», meldete Midshipman Charles Clerke, der auf der anderen Seite des Bootes ebenfalls Ausschau hielt.
Hicks fasste den Küstenabschnitt ins Auge, den Clerke meinte. Weiß krümmte sich der Strand in eine kleine, hufeisenförmige Bay. Vereinzelt wiegten sich Palmen in der warmen Luft, und im Hintergrund wölbte sich eine flache, dicht bewachsene Anhöhe wie der moosüberzogene Rücken einer gigantischen, steinalten Schildkröte.
«Ausgezeichnet, Mr. Clerke – genau was wir suchen. Zwei Strich Steuerbord, Mr. Pickersgill. Alles klar machen zum Anlegen!» Zufrieden ließ Hicks die Tuben des Messingfernrohres ineinander gleiten und schob seinen dunkelblauen Dreispitz mit der Offizierskokarde ein Stück in den Nacken.
Er warf einen Blick zurück.
Achtern ragte stolz und steil die felsige Nadelspitze des Berges empor, den die Eingeborenen Orohena nannten, bis zum Hals in dem üppigen, malachitgrünen Polster des Dschungels vergraben. Das flächige Grün löste sich zum Wasser hin in einzelne Gruppen von Bäumen auf – mächtige, dicht belaubte Kastanienbäume, ihre Stämme umwunden von den Ranken wilden, fruchtlosen Weines, und Palmen unter ihren breit gefächerten Kronen. Wie ein heller, unter einem Kleidungsstück hervorblitzender Saum wand sich der Sandstrand um die zerklüftete, dicht bewachsene Insel, die die Männer noch vor dem Morgengrauen verlassen hatten. Eine günstige Strömung hatte sie die gut acht Meilen in östlicher Richtung schneller zurücklegen lassen als erwartet.
«Drei Tage auf diesem gottverlassenen Eiland», knurrte der zweite Midshipman Patrick Saunders und zog missmutig seine spitze Nase kraus, während er die unmittelbare Umgebung der winzigen Insel, die sich vor ihnen wie ein oval geschnittener Smaragd aus dem Lichtblau des Wassers erhob, kritisch beäugte, scheinbar blind für ihre tropische Schönheit.
«Anderthalb, Paddy – es sind nur anderthalb», korrigierte ihn Clerke. Mit seinen sechsundzwanzig Jahren war er der älteste der insgesamt fünf Midshipmen des Mutterschiffs und deren