Die Wahrheit war immer nur eine Tochter der Zeit. Leonardo da Vinci
Prolog
Anno Domini 1606, am achtundzwanzigsten Tag des Monats Mai
Rom feierte. Böller explodierten krachend, deren Schall sich hallend an den Wänden der Häuserschluchten vervielfältigte. Rote Feuerblumen zerplatzten am pechschwarzen Himmel; blaue Funkenfontänen, goldene Leuchtkugeln und silberne Zauberfäden löschten mit ihrer Pracht sogar die Sterne aus. Ihr farbiger Widerschein fiel über die Dächer der Stadt, troff an den Fassaden herunter und verglomm im Zwielicht aus Finsternis und Laternenschimmer.
Im Campo Marzio, dem Herzen der Stadt – manche sagten auch, ihr Gedärm –, wurde besonders kräftig gefeiert. Zwischen den Donnerschlägen des Feuerwerks dröhnte Musik durch die Gassen, darin verwoben Gelächter und schnelle Wortwechsel, die den drohenden Keim einer Rauferei in sich trugen.
Durch den Trubel marschierten vier Männer, forsch, ihre Stiefel bei jedem Schritt fest auf dem Straßenpflaster auftreffend, obwohl auch sie nicht mehr nüchtern waren. Berauscht waren sie nicht so sehr vom Wein der letzten Stunden, sondern allein vom Durst nach dem Mark des Lebens. Eine nie nachlassende Gier, der sie jede Stunde aufs Neue nachgaben, rastlos, schlaflos. Bei Tag und bei Nacht, im Kartenspiel, im Trinken und Feiern, im Kampf und in der Kunst.Nec spe, nec metu war ihr Wahlspruch,weder Hoffnung noch Furcht. Nur Kühnheit und Leidenschaft regierten ihre Welt.
»Merisi!«
Ein Ruf, der sie haltmachen ließ, zuallererst den Mann in ihrer Mitte, dem dieser Ruf gegolten hatte. Es war nicht das vertraute »Michele«, mit dem seine Freunde ihn ansprachen, nicht das singende »Michelangelo«, das so weich und sehnsüchtig über die Lippen der Frauenzimmer kam. Und nichts hätte ihm ferner sein können; ihm, dem stolzen »Caravaggio«, wie man ihn allerorts respektvoll nannte, nach dem verschlafenen Städtchen in der Lombardei, nahe Bergamo, aus dem er vor vierzehn Jahren nach Rom gekommen war. Er –Michelangelo Merisi da Caravaggio.
Seine Augen, schwarz wie Kohlestücke, in denen es beständig glomm, wurden schmal, als sie den Mann erfassten, von dem der Ruf ausgegangen war. Edel gekleidet, der akkurat gestutzte Spitzbart und das Haar unter dem Barett golden aufschimmernd, war er in allem das Gegenteil Caravaggios. Trotzdem hatten sie früher zusammen getrunken, gefeiert und gelacht.Lang, lang ist’s her. . .
»Ranuccio.« Eine nüchterne Feststellung, die wie das Knurren eines Hundes klang.
Drei Männer rahmten Ranuccio Tomassoni da Terni ein, versperrten Caravaggio und seinen Freunden den Weg. Vier gegen vier,