: Christine Grän
: Dame sticht Bube
: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
: 9783955301972
: 1
: CHF 2.70
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: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 416
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Dr. Eva Röhm ist dem Tod sehr nahe und hütet die Geheimnisse ihres Lebens. Eva liebt das Schweigen und die Lüge, auch wenn es bei ihrer Arbeit am rechtsmedizinischen Institut stets um das Finden von Wahrheit geht. Die Lüge hat sie ihr ganzes Leben begleitet. Angefangen hat alles in ihrer Kindheit und Jugend, die sie in einem österreichischen Kaff im Mief des Kleinbürgertums und der sexuellen Repression verbrachte, und endete im Scheitern ihrer Ehe und dem Verlust des Sorgerechts für ihr Kind. Doch kampflos ergibt sie sich ihrem Schicksal nicht. Von der Kunst des Lebens, der Vergeblichkeit der Liebe und Begegnungen mit dem Tod handelt dieser vielschichtige Roman.

Christine Grän, geb. 18. April 1952 in Graz, arbeitete nach ihrem Germanistik- und Anglistikstudium in ihrer Heimatstadt als Gesellschafts-Redakteurin beim Bonner Generalanzeiger. Insgesamt fünf Jahre lebte sie in Botswana / Afrika, wo sie eine Lodge leitete. Dort enstand auch erste Anna-Marx-Krimi »Weiße sterben selten in Samyana«, der nach ihrer Rückkehr 1986 veröffentlicht wurde. Seither arbeitet sie als freie Journalistin und Autorin, u. a. für die »Welthungerhilfe«. Christine Grän ist verheiratet, hat eine Tochter und lebt heute in München.

2. Kapitel


Der Kirschbaum im Garten bot kein Versteck vor Magda, der Unbarmherzigen. Sie wußte, wie gern ich die süßen Kirschen aß, oben in den Ästen sitzend, wo ich auf sie herabsehen konnte und über sie hinweg auf die Straße, die vom Grundstück meines Vaters durch eine Steinmauer getrennt war.

Meine Mutter stand unter mir, und ich widerstand der Versuchung, einen Kirschkern auf die akkuraten braunen Locken zu spucken. Sie waren eingelegt wie Zwiebelringe und mit Spray zementiert. Kein Haar hätte es gewagt, die abscheuliche Perfektion durch Widerspenstigkeit zu torpedieren. Ich spuckte den Kern über die Mauer.

«Komm sofort runter, Eva». Die Stimme meiner Mutter war leise und durchdringend.

«Warum?» Wir kannten die Antwort, doch ich versuchte, sie hinauszuzögern.

«Das weißt du ganz genau. Die Kirschen sind noch nicht reif. Und WENN sie reif sind, werden wir sie gemeinsam pflücken, und wir werden Kirschmarmelade kochen, wie in jedem Jahr. Du wirst mir helfen, die Kirschen zu entsteinen – und nur so viel essen, wie es bekömmlich ist.»

«Bekömmlich», das war eines ihrer Lieblingsworte. Sie spitzte ihre schmalen Lippen, wenn sie es aussprach, dieses Wort. Ich sagte «Sie sind aber schon reif», bevor ich vom Baum kletterte, und sie sagte «Ich weiß es besser, mein Kind», als ich vor ihr stand. Nicht laut, sie wurde sehr selten laut, meine Mutter, doch die Summe ihrer leisen Worte war infernalisches Geschrei. Sie nahm meine Hand und lächelte beinahe. «Außerdem wirst du langsam zu alt, um in Bäumen rumzuklettern. Es gehört sich nicht.»

Auch dieser letzte Satz fand häufige Verwendung in unserem Haus. Magda setzte ihn gegen das Hausmädchen, meinen Vater, die Sprechstundenhilfen und gegen mich ein. Es gab sehr viele Dinge, die Mutter ungehörig fand, und ganz am Anfang stand die Beziehung zwischen meinem Vater und einer Sprechstundenhilfe namens Dorothea. Dorothea trug einen dicken, blonden Zopf, sie hatte blaue Augen und war sehr lustig, noch war sie es, aber ich konnte mir nicht vorstellen, daß es auf Dauer gutgehen konnte. Möglich, daß Mutters Lippen noch ein bißchen schmaler geworden waren. Sie wird Vater ein Ultimatum stellen, und Dorothea wird gehen, dachte ich. Sie wird ihre leisen Sätze wie Messer auf ihn werfen, und er wird nachgeben, weil er ein Feigling ist. Ein unmoralischer Feigling natürlich. Seit einer Woche, seit Mutter sie bei einem Kuß in der Toilette ertappt hatte (ausgerechnet, ich hätte mir etwas mehr Romantik gewünscht), betrat sie die Praxis nicht mehr und konzentrierte ihre Energie auf meine Person. Mutters Energie drückte sich in Wortschwallen aus, sie redete un- unterbrochen, so kam es mir jedenfalls vor, und ihre beherrschte, eindringliche Stimme verfolgte mich bis in meine Träume.

Ich bedauerte, daß ich erst siebzehn war und Ferien hatte, und daß Vater und die kleine Blonde einander in der Toilette gefunden hatten. Es war, als hätten sich alle Erwachsenen gegen mich verschworen mit dem Ziel, mich unglücklich zu machen.

«Robert kommt heute nachmittag vorbei, ich habe ihn zum Kaffee eingeladen. Er ist ein so netter junger Mann, und ich wünschte, du würdest ihn etwas liebenswürdiger behandeln. Schließlich hat er sich bereit erklärt, dir Nachhilfestunden in Mathematik zu geben, und weiß Go