: Marisa Brand
: Das Geheimnis der Tarotspielerin Zweiter Band der Tarot-Trilogie
: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
: 9783955301651
: Tarot-Trilogie
: 1
: CHF 2.70
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: Historische Romane und Erzählungen
: German
: 400
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Köln, 1535. Sidonia, Kaufmannstochter und Frau des Arztes Gabriel, ist verzweifelt: Nach einer Fehlgeburt wird sie nicht wieder schwanger. Die Hoffnung, seiner Frau helfen zu können, wenn er nur mehr über den weiblichen Körper wüsste, treibt Gabriel dazu, heimlich tote Huren und Bettlerinnen zu obduzieren. Doch als eine Frau tot und grauenhaft zugerichtet aufgefunden wird, gerät Gabriel plötzlich unter Verdacht, und Sidonias geheimnisvolle jüngere Freundin Lunetta scheint mehr zu wissen, als sie preisgibt. Denn sie hat das zweite Gesicht ...

Die Autorin Marisa Brand wurde 1960 geboren und studierte deutsche und englische Literatur mit dem Schwerpunkt Mittelalter und Philosophie. Anschließend war sie in verschiedenen Berufen tätig, so als Dramaturgin am Kölner Schauspielhaus, Redakteurin einer Tageszeitung, Dozentin für Frauengeschichte und als Drehbuchautorin.

ERSTER TEIL

DER GESPRENGTE TURM

DIE VERKAUFTE SEELE WILL SICH BEFREIEN.

DIE MASKEN FALLEN.

TOD ALLER ILLUSIONEN.

Mariflores Zimenes, »Die Geheimnisse des Tarots«

 

1.


KÖLN, AM 8. JANUAR 1536

Der Frost wich Wind und nieselndem Regen. Die Räder des Reisewagens gruben sich durch zähen, kalten Schlamm. Letzte Eisstücke spritzten auf.

»Rápido! Macht voran!« Mit Rufen und Pfiffen trieb Goswin die Zugpferde an. Seit Stunden kam sein Fuhrwerk nur unwesentlich schneller voran als die Wanderkrämer, Bettler und Pilger, die der Wind wie welke Blätter auf Köln zutrieb.

Die Kaltblüter stemmten sich ins Geschirr, aufgeschreckt von Goswins Pfiffen und den scharfen Böen. Sie waren Vorboten eines gewaltigen Sturms, doch der Kutscher war zuversichtlich, es noch vor Toresschluss in die Domstadt zu schaffen. Hier auf der Aachener Straße, wenige Meilen vor Kölns Mauerring, hoffte er auf Reste des römischen Steinwegs, der die beiden Reichsstädte seit über tausend Jahren verband.

Goswin freute sich auf die Kamine im prachtvollen Hause van Berck. Bei einer Kurierstation hinter Sindorf hatte er einen Boten gefunden und auf einem Reitpferd vorausgeschickt, um dem Hausherrn ihr Kommen anzukündigen. Claas van Berck, Kölns reichster Waffenhändler, würde sich nicht lumpen lassen und prasselnde Feuer für den Gast entzünden, den Goswin ihm ins Haus brachte. Und da er selbst einen Brustpanzer mit dem Wappen des Grafen von Löwenstein trug, in dessen Diensten er stand, sollte auch für ihn ein warmes Plätzchen abfallen. Während ihm Sprühregen ins Gesicht nadelte, träumte er von heißem Burgunder, gewürzt mit Zimt und Paradieskörnern. Bestimmt gäbe es keinen sauren Hund aus kölnischen Weingärten, den man mit Färberkraut gerötet und giftigem Bleizucker gesüßt hatte, sodass einem der Schädel sauste wie ein Glockenstuhl oder der Zecher für immer die Engel singen hörte.

Hatte er alles schon erlebt. In seiner Zeit als Kölner Stadtsoldat. Die Krone aller deutschen Städte und das Jerusalem des Nordens beherbergte neben unzähligen Heiligenreliquien, fetten Prälaten und Kaufherren jede Menge Leutebetrüger und Lumpenpack.

Der stämmige Mann erhob sich vom Sitzbrett. In der Ferne sah er die trutzige Hahnentorburg und den Turm von St. Aposteln. Ein Lächeln vertiefte die Falten seines wettergegerbten Gesichts. Acht Jahre hatte Goswin seine Vaterstadt nicht gesehen.

»Bon dia, Colonia«, murmelte er und grinste. So vertraut ihm die spanische Zunge in den letzten Jahren geworden war, so sehr sehnte er sich