„Ich grüße alle meine Freunde!
Mögen sie die Morgenröte noch sehen
nach der langen Nacht ...“
Stefan Zweig
I. Kapitel
Auf dem Weg ins Ungewisse
Der Wind pfiff und jagte heulend die weißen Schneeflocken, die sich in den heftigen Böen zu spitzen Eiskristallen wandelten, in milchigem Nebel durch die Luft. Ein verwirrender Wirbel aus hellen Punkten, in dem die Grenze zwischen Himmel und Erde verschwamm, waberte in undurchsichtigen Schwaden hin und her. Wattige Flocken begannen sich langsam zu leichten, erstickenden Gebirgen zu häufen und alle scharfen Konturen der Umgebung zu runder, duftiger Unschuld in reinem Weiß einzuebnen.
Der junge Soldat, am Rande der Kräfte, spürte kaum mehr seine Füße, die herabrieselnder Schnee langsam bedeckte, und ließ sich, erschöpft und wie in Zeitlupe in die Knie brechend, in das flaumige Schneebett fallen. Der Wind hatte für eine Weile nachgelassen, um dann wieder heftiger loszubrausen; und im Nebel der sinkenden Flocken verwischten sich nach und nach alle Umrisse der Landschaft. Ein weißes Leichentuch legte sich gnädig über die Schrecken dieses erbarmungslosen Feldzuges.
Die Gedanken des Soldaten begannen sich zu verwirren, die Schmerzen wurden schwächer und eine leise, trügerische Wärme durchzog seinen abgemagerten und geschundenen Körper. Einfach aufgeben, liegen bleiben, den sinnlosen Kampf gegen sich selbst beenden, den Kopf auf den kühlen, weichen Schnee betten! Ihm war, als hörte er durch das Toben des Sturms Stimmen, die auf ihn einredeten, aber er schloss die Augen vor ihren Warnungen. Nur eine Melodie, sanft und wie von weit her, tönte in seinem Ohr, schien leise durch die Hölle der fauchenden Schneewüste zu dringen. Von einem täuschenden Wohlgefühl eingelullt, das sich in seinen ertaubenden Gliedmaßen ausbreitete, schloss er die Augen und die Spur eines selbstvergessenen Lächelns trat kaum merklich auf seine vom Frost erstarrten Lippen. Es schien fast, als summte er gegen das Heulen des Windes ein paar Takte mit.
So woll’n wir uns dort wieder sehn,
bei der Laterne woll’n wir stehn ...
Verworrene Bruchstücke undeutlicher Erinnerungen stiegen in ihm auf, von denen er nicht wusste, ob sie Traum oder Wirklichkeit waren. In seinen Ohren dröhnte es, doch umso stärker kristallisierte sich die schöne, simple Melodie heraus, das Chanson, das bei allen Soldaten um die Welt ging und das auch sie, Emilia, sich mit der Gitarre begleitend, einmal für ihn gesungen hatte. Und es war ihr gemeinsames Lied geworden, die Melodie einer unvergesslichen Erinnerung, eines Versprechens, das er um jeden Preis halten wollte. Würde er sie denn noch einmal wieder sehen, noch einmal in ihre großen, seegrünen Augen blicken, die ihn vom ersten Moment an in Bann geschlagen und in deren Tiefe er sich unvermutet verloren hatte? Nicht im Entferntesten hätte er erwartet, mitten im Krieg ein derartiges Gefühl, einen solchen Blitzschlag der Liebe zu erleben! Welche Hoffnungen, welch rauschhaftes Schweben einer