: Rolf A. Becker
: Dickie Dick Dickens - Dickie gegen Chicago
: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
: 9783955300890
: Dickie Dick Dickens
: 1
: CHF 1.80
:
: Humor, Satire, Kabarett
: German
: 216
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Endlich: die von zahllosen Fans sehnsüchtig erwartete Neuauflage der Kult-Krimiparodien! Der zweite Band der sensationellen Abenteuer des gefährlichsten Mannes Amerikas. Chicago, in den 1920er Jahren: Dickie steckt im Knast! Allerdings nicht wegen Raub oder Mord, sondern wegen Bigamie... Aber er wäre nicht Dickie Dick Dickens, wenn es ihm nicht gelänge, sich spektakulär zu befreien!

Rolf Becker erlebte seine Jugendzeit in Erfurt und begann nach dem Krieg in englischer Kriegsgefangenschaft zu schreiben. Später arbeitete er als Aufnahmeleiter für verschiedene Filmfirmen und wurde 1953 freier Autor. Während eines Gastvertrages als Rundfunkregisseur bei der BBC schrieb Rolf Becker die Krimiserie 'Gestatten mein Name ist Cox', die er, um dem Vorbehalt deutscher Rundfunkanstalten gegen deutsche Krimi-Autoren zuvorzukommen, unter dem Namen seines englischen Onkels 'Malcolm F. Browne' veröffentlichte. Die Serie wurde 1952 vom NWDR mit Carlheinz Schroth in der Hauptrolle produziert und entwickelte sich zu einem 'Straßenfeger'. Gemeinsam mit seiner Frau Alexandra veröffentlichte Rolf Becker ab 1957 die ebenfalls sehr erfolgreiche 'Kriminalsatire' DICKIE DICK DICKENS, die ursprünglich nur als 11minütiger Krimi-Sketsch für den Bayerischen Rundfunk entstanden war.
WALE UND KLEINE FISCHE
Der Morgen hellte durch die Gitter.
Licht fiel, in geraden, strengen Balken, ein Ballett sich ständig lösenden und wieder ballenden Staubes beleuchtend, durch das Fenster.
Den Flur entlang hallten Schritte. Schwer, hart. Knallend von Nägeln.
Der Gefängniswärter. Wie er das kannte!
Der Einsame in der Zelle stöhnte.
Doch dann vernahm sein Ohr Anderes, Sanfteres:
Schritte. Kurz, schnell, hackend ... Stakkato der Absätze. Schlüssel rasselten. Riegel krachten. Die Tür öffnete sich. Eine fette Stimme sagte: „So, da wären wir. Der Besucherraum wird gestrichen. Sie müssen ihn schon in der Zelle sehen, Madame.“
Der Mann sah auf. Sah sie an, die hereintrat.
Sie! Seine Frau. Die er seine Frau nennen wollte, und die es doch nicht sein durfte. Weil er Poltingbrook hieß. Weil der Mann, von dem er Namen und Papiere geliehen hatte, früher mal geheiratet hatte ...
Schon wieder diese Gedanken!
Nein, er musste sich zusammennehmen. Musste lächeln. Endlich war der Wärter draußen. Schloss ab. Baute sich vor der Tür auf.
Sie aber stand da und blinzelte in das Sonnenlicht.
„Tag, Schätzchen“, sagte er und lächelte tatsächlich. Sie küsste ihn hinters Ohr und setzte sich.
Dann fragte sie: „Wie geht es dir?“
Er sagte: „Schlecht.“
Sie nickte und sagte: „Mir auch.“
„Kopf hoch“, murmelte er, „Kopf hoch, Kindchen!“
Sie sah ihn aus wehen Augen an. „Das sagst du so. Du sitzt hier gemütlich im Gefängnis, du hast’s gut, dich ernährt der Staat, aber ich ...“
Dickie Dick Dickens lächelte. „Aber Effie, kleiner Wirrkopf“, flüsterte er und strich ihr über die blonden Haare, „vergisst du denn die Goldbarren vom Bankraub? Es sind ein paar hunderttausend Dollar auf der Farm von Opa Crackle. Ihr braucht nicht zu verhungern.“
Effie schüttelte den Kopf. Nein. Vom Hunger hatte sie nicht gesprochen. Es ging ihr um den Namen.
Um den Namen?
Ja, um ihren Namen. Ob Dick ihr sagen könne, wie sie hieße? Hieß sie Poltingbrook?
Nein. Mrs. Poltingbrook gab es irgendwo. Eine, die eine irische Fischertochter war und früher Margaret Stippling geheißen hatte.
„Aber wie heiße ich dann? Wer bin ich?“
„Na ja“, knurrte Dick, „natürlich bist du meine Frau ...“
„Dann heiße ich Dickens?“
Dick hielt ihr den Mund zu. Wenn das jemand hörte! Dickie Dick Dickens gab es nicht mehr! Er hieß jetzt Poltingbrook. Aber als Poltingbrook war er wegen Bigamie verhaftet. Also war seine Eheschließung mit Effie ungültig.
„Daher, mein Schatz, heißt du weiter Effie Marconi.“
„Nein“, widersetzte sich Effie bockig, „in Wahrheit warst du gar nicht verheiratet, als du mich zur Frau nahmst. Das war nämlich der wirkliche Mr. Poltingbrook. Also ist unsere Ehe doch nicht ungültig! Aber ich heiße weder Dickens noch Poltingbrook, noch Marconi ... ich bin das ärmste Geschöpf auf Erden ... ich besitze nicht einmal einen Namen! “
Sie weinte. Er schwieg. So war das also!
Schlüssel rasselten. Riegel krachten. Die Tür öffnete sich. Der Wärter kam herein.
„Die Besuchszeit ist um.“
Effie reichte Dick die Hand. Sah ihn aus kullerdummen Augen an. Dann gab sie ihm eine Mundharmonika mit den besten Grüßen von Opa Crackle.
Dick versprach, auf das Wohl des Alten zu spielen. Aufschluchzend verließ Effie die Zelle.
Und Dick blieb zurück. Allein mit seinen Gedanken. Einsam.
Nur seine kleine Mundharmonika war bei ihm.
 
Nicht nur Dick und Effie machten sich Sorgen um die neue Form ihres Daseins, sondern auch Dicks treue Mitarbeiter. Sie saßen in ‚Baby’s Bottle’, dem kleinen Vorstadtlokal, das einst dem Verbrecherfürsten Jim Cooper als Hochburg gedient hatte. Saßen da, starrten auf klebrige Marmortische und kreiselten mit ihren Whiskygläsern in kleinen Sodapfützen. Dickies väterlicher Freund Opa Crackle, der kleine, abergläubische Bonco und nicht zuletzt der vornehme Mister Josua Benedikt Streubenguß, Spezialist für Juwelenhehlerei.
Bei allem Wohlwollen für die Obrigkeit stellten sie fest, dass der augenblickliche Zustand unhaltbar sei: Jim Cooper, der einstige Gegner, tot - Dickie Dick Dickens im Gefängnis ...
„Ich bitte Sie“, sagte Josua Benedikt mit samtener Stimme, „wo soll das hinführen?“
„Die ganze Unterwelt droht zu verschlampen“, meinte Opa Crackle und klirrte mit den Eiswürfeln in seinem Glas. „Kein Mensch versteht, einen nur mittelschweren Einbruch zu organisieren! Sie werden es noch merken, meine Herren
- wir gehen schweren Zeiten entgegen!“
Streubenguß nickte. „Was wir brauchen“, sagte er, „ist ein Organisator. Ein Führer!“ Dabei sah er Crackle bedeutend an.
Doch der winkte ab. „Nein, nein, mein Lieber! Ich bin nicht mehr rüstig genug, eine Gangsterbande aufzubauen. Und Sie, lieber Streubenguß, mögen ein guter Hehler sein, doch verfügen Sie nicht über das geringste Talent zur Truppenführung. Und was Bonco anbelangt ...“
Opa Crackle sprach nicht weiter.
Der Gedanke an eigene Verantwortung schien Bonco derart abscheulich, dass er laut erklärte, lieber ehrlich werden zu wollen als selbst denken zu müssen. Und verträumt umkränzte er seine Rede mit einem klugen Spruch:

„Schließt eine Ehe du um neun,
wirst du niemals dies bereu’n.
Doch heiratest du erst um zehn,
möcht’ ich nicht aufs Ende sehn.“

Womit er zweifellos auf Dickies missglückte Heirat mit Effie anspielte.
Opa Crackle, um Aufheiterung der allgemeinen Stimmung bemüht, krähte fröhlich: „Vorläufig haben wir noch dreihunderttausend in Goldbarren!“
Josua Benedikt Streubenguß sah ihn vernichtend an. „Goldbarren, mein Teuerster, Goldbarren!!“
Opa Crackle ließ sich nicht einschüchtern. „Besser kann man sein Geld doch gar nicht anlegen.“
Josua Benedikt dachte, dass es nicht verkehrt sein könne, allzu naive Leute gelegentlich zu vergiften, zeigte jedoch seinen Unwillen nicht. Im Gegenteil. Höflich wie stets belehrte er den Alten: „Das gilt für normale Zeiten, mein Lieber. Im Augenblick weiß ich wirklich nicht, wie ich die Goldbarren absetzen soll. Es herrscht in der gesamten Unterwelt eine phänomenale Unsicherheit. Man muss jederzeit der Tatsache gewärtig sein, dass der angesehenste Regierungsbeamte, der gestern noch bestechlich war, plötzlich auf der Seite des Rechts steht.“
„Unerhört!“, schrie Opa Crackle.
Bonco schüttelte sein Haupt wie ein Uhrpendel und lispelte: „Und der Mann, der uns helfen könnte, sitzt im Gefängnis. Wegen Bigamie!!“
Josua sandte ihm einen anerkennenden Blick über die Marmorplatte, zum Zeichen, dass er in Boncos Hirn Spurenelemente von Verstand zu erkennen glaubte.
„Das ist ja das Schlimmste“, sagte er. „Säße er wegen Mordverdachts, Rauschgifthandels, Korruption oder Totschlags - ja, dann könnte ich ihn gegen eine geringe Kaution wieder freibekommen. Aber Bigamie? Sie wissen doch, wie peinlich genau unser Staat in Dingen der Moral ist! Dickie lassen sie nicht eher aus dem Gefängnis, bis seine Familienverhältnisse geklärt sind.“
Schweigen folgte diesen Worten.
„ Ja“, murmelte Crackle, „die Gesetze in unserem Lande sind hart.“
„Wir müssten also“, sagte Bonco und betrachtete nachdenklich seine wohlmanikürten Fingernägel, „feststellen, was aus der ersten Mrs. Poltingbrook geworden ist.“
Josua spielte mit seinem goldenen Zigarettenetui. „Viel ist es nicht, was wir wissen“, meinte er. „Eine geborene Stippling, Fischertochter, dreizehn Jahre älter als er.“
Bonco wand sich vor Entsetzen, als er die Zahl dreizehn hörte. Doch dann raffte er sich zu Taten auf. „Wir müssen sie kaufen!“ sagte er. „Vielleicht lässt sie sich ja scheiden.“
Opa Crackle gab seinen letzten Kuchenzahn zur Besichtigung frei, was als Lächeln gewertet werden sollte.
„Vielleicht ist sie ja auch schon längst tot“, mümmelte er.
„Tot?“ säuselte Bonco entzückt. „Natürlich! Welche Idee“
„Wir wollen sie suchen“, meinte Josua Benedikt sachlich.
Dann erhoben sich alle und verließen ‚Baby’s...