: Julia Kröhn
: Engelsblut
: Edel Elements
: 9783955301439
: 1
: CHF 3.60
:
: Historische Romane und Erzählungen
: German
: 352
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
So wunderschön wie Verderben bringend - Engel, gemalt mit dem Blut Liebender ... Österreich im 19. Jahrhundert: Schon seine Kinderzeichnungen versetzten die Menschen in Schrecken und Zorn. Konnte er doch die absolute, ungeschminkte Wahrheit über denjenigen zeigen, den er porträtierte. Als Bastard geboren - ohne Liebe und Zuwendung aufgezogen - wird aus dem feinsinnigen Samuel Alt schließlich ein verschrobener Kauz, der sich fleischlicher Lust und Liebe verweigert, um sich ganz der Malerei zu widmen. Aber seine Bilder sind nicht perfekt. Bis er herausfindet, dass er mit dem Blut Liebender wunderbare Engel malen kann ...

»Warum vertilgt mit dem Flammenschwert
All die Gräuel von der Erde
Der Todesengel nicht?«
FRIEDRICH HÖLDERLIN

ERSTER TAG


Es ist zu erzählen, wie Samuel von einem Domherrn

gezeugt wird, Marie ihn im Kuhmist gebiert und die

unglückliche Felicitas ihn nicht berühren will

Als Gräfin Marie den Bund der Ehe schloss, war ihr Leib dick. Die Leute bezeugten die Trauung mit Häme. Sie beschwatzten hinter vorgehaltenen Händen, dass der Graf von Altenbach-Wolfsberg Besseres verdient hätte und dass Marie eine Hure der schlimmsten Art, nämlich ein Kebsweib, sei.

Sie schritt mit gesenktem Kopf zum Altar, faltete die Hände, aber kannte kein Gebet. Ihr Gedächtnis war ausgehöhlt vom Verrat, der an ihr verübt worden war und der das Kind, das sie trug, zum Bastard machte. Es zählte und half nicht, dass diese Schande mit der Hochzeit verheuchelt wurde.

Marie war mit sechzehn Jahren zur Waise geworden– ein selten auftretendes Nervenfieber hatte ihr die Eltern weggerafft. Sie stierte mit blauen Augen in die Welt und war nicht in der Lage, zwischen dem, was gut, und dem, was schlecht war, zu unterscheiden. Sie war wohlerzogen, aber vom Leben wusste sie nicht mehr, als dass es ein blindes Loch voller Gefahren sei.

Ihr Oheim, ein Geistlicher, der eben Domherr in der Landeshauptstadt Linz geworden war, wurde ihr zum Vormund bestimmt. Er war ins sechzigste Lebensjahr gegangen, blickte auf einen passablen pastoralen Dienst zurück und war mit seinem Dasein zufrieden. Er hatte sich nie in Höhen verstiegen, sich nie in Tiefen verloren, und es deuchte ihn ein sehr gutes Geschäft, auf Glück zu verzichten, um Unglück auszuweichen. Ohne Gefühlsanstrengung glitt er durch den Alltag, ein wenig behäbig, das schon, distanziert gegenüber den leichtfertigen Freuden, aber sämtlichen Tücken ausweichend, und so war er niemals gescheitert.

Er mied die Menschen, war jedoch geschwätzig genug, um nicht als Sonderling zu gelten; vom Leben forderte er nicht viel, nur manche Annehmlichkeiten– gutes Essen zum Beispiel.

Mit Gelassenheit begegnete er Säkularisation und Sittenverfall. Manchmal beklagte er, dass nahezu jedes fünfte Kind außerhalb der heiligen Bande der Ehe geboren wurde. Zugleich aber wusste er, dass es ihm nicht oblag zu urteilen, sondern dass der Allmächtige selbst helfend und strafend eingreifen würde. Deswegen sorgte er sich nicht, sondern legte seine schmächtigen Hände vertrauensvoll um Messer und Gabel.

Als er Vormund der verwaisten Marie wurde, besaß er mit einem Mal eine Familie. Gedankenverloren starrte er auf das Mädchen, fühlte sich zuerst in die Enge getrieben und hub dann gemächlich an, sie zu trösten. Sie jedochüberbrückte hysterisch den Abstand zwischen ihnen beiden, sank auf die Knie und heftete sich zäh an seinen Leib. Ihre schlanken, weißen Finger gruben sich in seine behaarten Unterarme, sodass ihre Nägel sein Fleisch aufschürften.

Er erschraküber den Schmerz, versuchte, ihre Handgelenke zu umgreifen, mäßig Gewalt auszuüben, sie in die aufrechte Haltung zurückzubefördern. Jedoch während sie heulend vor ihm kauerte, fiel sein Blick auf die dunklen Adern unter ihrer weißen Haut– unheimliche schwarze Würmer, die in dem alabasternen Porzellan wucherten und darunter pulsierten.

Es wurde ihm bewusst, dass er noch nie in seinem Leben bei einem anderen Menschen die blauen Adern wahrgenommen hatte, die– unter der Haut verborgen– Lebendigkeit durch den Leib hetzen, gleich ob jener, dem dieser Leib von Gott geschenkt war, leben will oder nicht.

Marie beruhigte sich wieder, wich zurück, wollte sich von ihm lösen. Doch jetzt, da sie es konnte, vermochte er es nicht mehr. Er hielt sie an den Handgelenken fest, drückte die dunklen Adern nieder, fühlte, wie ihm die Haare auf seiner alten Hand zu Berge standen. Er beugte sich vor, um ihren Handrücken zu küssen, traf mit den Lippen jene Stelle, die er eben noch begafft hatte, schmeckte ungläubig und verstört ihre Haut. Mit der Spitze seiner rauen Zunge fuhr erüber ihr Handgelenk, erwartete, dass sie kalt wie Marmor sei und säuerlich vom ungelebten Schweiß. Aber er schmeckte nichts.

Später, beim Abendessen, traf er für sie eine Entscheidung.

Er beschloss, dass sie in einen Konvent eintreten, Nonne werden und somit dem schönsten und besten Stand zugehören