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Zwei Rebstöcke knickten unter meinem Gewicht um. Da stand sie vor mir, Weintrauben kauend. Mein Herzschlag beschleunigte sich, als ich sie sah. Die üppigen Rundungen ihres Körpers, ihre anmutigen Beine, der wohlgeformte Rüssel. Cleopatra, meine Aurora. Meine allerliebste Freundin. Ihre Backen bildeten beim Essen zwei reizvolle Grübchen, das Glitzern ihrer Augen konnte einen schwach werden lassen. Sie roch nach Klee und Thymian.
»Neues Parfum?«
Cleopatra hob den Kopf. »Schön, dass du das bemerkst, mein Lieber. Ich habe eine neue Stelle im Wald entdeckt. Ganz junge Pflänzchen. Sehr ergiebig. Magst du es?«
Ich fuhr mit dem Rüssel ihren wohlgeformten Körper entlang, verweilte bei ihren Hängeohren, knabberte zart daran. »Besser als Tiramisu mit Kirschlikör.«
»Lass das, du Ferkel.« Sie schüttelte unwillig den Kopf. »Weg da. Mir ist nicht zum Flirten zumute. Dass du immer nur an das eine denkst. Außerdem hast du heute wohl deine Morgentoilette vernachlässigt. Du müffelst wie ein Hund.«
»Ich hatte keine Zeit zum Waschen. Es ist was Schlimmes passiert.« Ausführlich berichtete ich ihr von den Ereignissen der vergangenen Stunden. Cleopatra schaute mich eine Weile stumm an. Dann rieb sie ihren Körper an meinem.
»Das muss ein schlimmer Schlag für dich sein. Ich weiß, wie sehr du an ihm gehangen hast. Er war ein ungewöhnlicher Mensch. Sehr sensibel. Wenn auch nicht so einfühlsam wie ein Schwein. Aber daraus kann man ihm keinen Vorwurf machen.«
»Ich wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen. Aufwachen, und alles wäre wie immer. Es geht mir nicht in den Kopf, wie das passieren konnte.«
»Unfälle geschehen. Menschen töten. Menschen sterben. C’est la vie.« Ihre Stimme klang tröstend.
»Du hast recht. Ich sollte mir weniger Gedanken machen.«
»Mein Ururgroßvater mütterlicherseits, du weißt schon, der aus Bordeaux, pflegte zu sagen: ›Das Beste, was du von Menschen erwarten kannst, sind drei Mahlzeiten am Tag.‹« Sie setzte wieder ihren Du-erinnerst-dich-doch-Blick auf. Ich ahnte, was jetzt kam – endlose Geschichten von ihren adligen Vorfahren.
»Lass uns schauen, ob wir die anderen finden.« Hoffentlich lenkte sie das ab. Ich war wirklich nicht in der Stimmung, mir schon wieder ihre edle Herkunft unter den Rüssel reiben zu lassen. Sie hieß nämlich mit vollem Namen Cleopatra Contessa de la Rosa. Obwohl das blaue Blut seit Generationen in Italien durch die Adern ihrer Vorfahren floss, bestand sie darauf, in Wahrheit französische Gene zu haben. Ihre Familie legte großen Wert auf Reinrassigkeit. Über Jahrhunderte hatten sie es geschafft, sich nur innerhalb ihrer Rasse fortzupflanzen. Cleopatra führte ihre Wurzeln direkt auf die südfranzösischen Gascon-Sch