ZUM GELEIT
Als mich Catherine Herriger fragte, ob ich nicht eine Einleitung für die Neuauflage ihres Buchs über weibliche Esssucht schreiben möchte, war ich zunächst skeptisch bis abwehrend. Ich bin ein Mann und kenne Binge-Eating-Disorder lediglich aus einer knapp vierjährigen, gescheiterten Beziehung mit Dora, einer esssüchtigen Frau.
»Gerade deswegen« überzeugte mich die Autorin schließlich. »Sie haben eine Erlebnisdistanz, die einen zusätzlich erläuternden Aspekt in diese schwierige Thematik einbringen könnte«, sagte sie.
Fast hätte ich selbst ein Buch geschrieben, so viele Notizen begann ich mir für eine eigentlich nur kurz gedachte Einleitung zu machen. Ich telefonierte einige Male mit Dora und tauschte E-Mails mit ihr aus, um mich zu erkundigen: »Wie genau war das eigentlich damals?« Viele vergessen geglaubte Erinnerungen tauchten wieder auf, darunter auch etliche schöne. Schließlich wurde die Arbeit an dieser Einleitung so etwas wie eine letzte Aufarbeitung einer für mich extrem schwierigen Lebensphase.
Kennengelernt hatten Dora und ich uns auf einer Tagung ihrer Firma, beim Mittagessen. Sie saß oben am Tisch und fiel mir mit ihrer Fröhlichkeit und ihrem extravaganten Kleiderstil auf. Sie hatte deutlich Rubensche Formen und alles an ihr war beim Reden in Bewegung. Sie schien mir vor Leben und Farben nur so zu strotzen. Lebhaft plauderte sie auf einen Tischnachbarn ein und hatte dazwischen ein lautes und ansteckendes Lachen. Während des ganzen Essens paffte sie ununterbrochen Zigarillos. Ich fand sie ungeheuer sexy.
Als ihr Nachbar aufstand, setzte ich mich auf den freien Platz. Da ich Gastreferent war, wusste sie natürlich, wer ich war, und wir begannen, über unser gemeinsames Arbeitsgebiet zu fachsimpeln. Sie gefiel mir immer besser und ich ihr offensichtlich auch. Am selben Abend noch, am Ende der Tagung, verabredeten wir uns fürs kommende Wochenende.
Dann ging das Ganze sehr schnell und wir wurden ein Paar. Ich hatte die größere Wohnung und ganz selbstverständlich zog Dora bei mir ein, nach nicht mal zwei Monaten Bekanntschaft. Wir mussten allerdings gewisse Kompromisse schließen, denn ich bin Nichtraucher. Auch die Tatsache, dass sie sich ständig um ihr Gewicht sorgte, war kein Problem. Ich gewöhnte mich daran, dass sie immer gerade eine neue Diät aus einer Frauenzeitschrift oder einem Fernsehprogramm ausprobieren musste, um sie früher oder später resigniert abzubrechen. Ich fand es sogar amüsant.
Die Probleme begannen ganz woanders. Als langjähriges Mitglied einer Faschingsgesellschaft hatte ich schon immer recht viele Kollegen und Kolleginnen, die es gewohnt waren, bei mir ein und aus zu gehen, ob wir nun probten oder nicht. Ich bin schon immer ein recht geselliger Mensch gewesen – aber das schien Dora zu stören.
Sie fand meine Freunde laut und besitzergreifend und behauptete, ich würde von ihnen ausgenützt, ich sei ja der Gratis-Vorratsschrank für a