: Susanne Fülscher
: Leben, frisch gestrichen
: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
: 9783955306755
: 1
: CHF 2.70
:
: Erzählende Literatur
: German
: 352
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Wer will schon werden wie die eigene Mutter... Na, Anna jedenfalls nicht. Auch heute noch sind der 41-jährigen Lehrerin die Auftritte der rebellischen Mittsechzigerin peinlich. Und jetzt will Mama Irene auch noch ihr schönes altes Haus renovieren, um es zu verkaufen und in die Stadt zu ziehen, wo das Leben tobt. Annas Töchter finden das 'total okay'. Sie hatten schon immer ein besseres Verhältnis zu ihrer exzentrischen Großmutter als zu Anna. Der Einzige, dem Anna ihr Herz ausschütten kann, ist der polnische Handwerker Tomasz. Sie ahnt jedoch nicht, dass nicht nur sie seine starke Schulter -- und anderes - zu schätzen weiß....

Schreiben wollte Susanne Fülscher schon seit ihrem 12. Lebensjahr, aber erst nach einem abgeschlossenen Lehramtsstudium in Hamburg (Französisch/Deutsch) und einem Intermezzo als Kulturjournalistin setzte sie ihren ursprünglichen Berufswunsch in die Tat um und begann, Romane für Jugendliche zu verfassen. Rasch stellte sich heraus, dass das engagiert-emanzipatorische Mädchenbuch, frech, humoristisch und ohne erhobenen Zeigefinger, ihre Stärke ist. Stets geht es ihr in ihren Büchern darum, das Selbstbewusstsein der Jugendlichen gerade in der heiklen Umbruchphase ihres Lebens zu stärken, Probleme ernst zu nehmen und unverblümt beim Namen zu nennen. Mehr als 60 Romane und zahlreiche Kurzgeschichten für Jugendliche und Erwachsene sind bisher von ihr erschienen und in viele Sprachen übersetzt worden. Susanne Fülscher lebt heute als freie Schriftstellerin und Drehbuchautorin in Berlin.

1.


Zwei Tage. Er war zwei Tage zu früh.

Jetzt stand er auf der vorletzten Treppenstufe, und Anna hielt ihn im ersten Moment für einen Paketboten. Er mochte Mitte 30 sein, vielleicht schon 40 – graumeliertes Haar, lichtblaue Augen, die Brauen kräftig, wie mit Tusche gezeichnet, – und strahlte eine Offenheit aus, die sie irritierte. Ebenso der Anzug im Stil der 60er Jahre. Paketboten trugen keine Anzüge. Sie bevorzugten bequeme Kleidung, hatten Pakete dabei und ein Empfangsbestätigungsgerät, nicht jedoch übergroße Sporttaschen aus Leinen und mit Ledergriffen. Außerdem war es gerade mal neun Uhr durch, viel zu zeitig für die Post, und er sagte nun mit osteuropäischem Akzent: »Guten Tag.«

»Guten Tag und auf Wiedersehen«, erwiderte Anna, aber der Mann schwang die Tasche über seine Schulter, hüpfte die letzte Stufe nach oben und schob seinen Fuß in den Türspalt.

»Was wollen Sie?« Anna gab sich alle Mühe, bestimmt zu klingen, keine Angst zu zeigen. In letzter Zeit war immer wieder in der näheren Umgebung eingebrochen worden. Zehlendorf. Bessere Wohngegend. Kleinkriminelle trugen gerne mal hier und dort einen Fernseher, Familienschmuck oder Bargeld hinaus.

»Ich ... Jestem Rzemieślnikiem.« Der Mann, der offenbar wohl doch kein Paketbote war, ließ den Fuß an Ort und Stelle, machte eine gleichsam entschuldigende Geste und strich sich über das unrasierte Kinn. Bloß einen Pulsschlag später landete die Leinentasche mit einem Plumps auf dem Treppenabsatz.

»Falls Sie mir einen Tischstaubsauger oder ähnlichen Unsinn verkaufen wollen, sind Sie bei mir an der falschen Adresse!« Um sich zu beruhigen, atmete Anna tief ein und ließ die Luft in einem Schwall wieder heraus. »Also wenn Sie jetzt bitte gehen würden.«

Die blassblauen Augen des Mannes, die so gar nicht zu den massiven Brauen passen wollten, verengten sich. »Dzień dobry.« Er hielt ihr seine Hand hin. »Tomasz Gnot.«

Automatisch streckte Anna nun auch ihre Hand aus, um sie im nächsten Moment sogleich wieder zurückzuziehen. »Sie sind Herr Gnot?«

»Tak. Tomasz.« Er knibbelte ein wenig Putz von der Hauswand, sodass feiner Staub hinabrieselte, dann knipste er ein Lächeln an und radebrechte: »Das ... das ist richtig viel Arbeit. Meine Bus fährt zweimal in Woche. Meine Bus fährt sehr lange.«

Anna schickte in Gedanken ein Stoßgebet gen Himmel und verfluchte ihre Mutter, die Tomasz Gnot in einer Nacht- und Nebelaktion über einen entfernten Bekannten engagiert hatte. Ohne sie zu fragen. Ohne überhaupt jemanden zu fragen. Als wäre sie Alleinherrscherin in diesem Mikrokosmos, der aus ihrer Tochter, ihren beiden Enkelinnen Nina und Lydia, einer Handvoll enger Freunde und einer stattlichen Anzahl abgelegter Liebhaber bestand.

Wo steckte sie überhaupt schon wieder? Statt den polnischen Schwarzarbeiter in Empfang zu nehmen, der bereits jetzt Unruhe und Chaos stiftete, trieb sie sich in der Stadt herum. Vermutlich war sie beim Shopping in der Friedrichstraße, kaufte Aquarellfarben, um ihre gerade in Frankreich erworben Maltechniken anzuwenden, oder aber sie flirtete in denGaleries Lafayette bei einer Bouillabaisse die jungen Köche an. Was nur allzu typisch für sie wäre. Früher hatte sie in billigen Sexfilmchen mitgespielt, heute gab es den entsprechenden Nachschlag: sixty plus im Reich der Sinne.

»Mach dich locker, Liebchen«, pflegte ihre Mutter zu bemerken, wenn Anna sich mal wieder echauffierte. »Genieß das Leben! Ist es nicht herrlich? Wie eine prall gefüllte Wundertüte!«

Und jetzt plante sie auch noch das Haus zu verkaufen.