: Victoria Holt
: Meine Feindin, die Königin
: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
: 9783955304966
: 1
: CHF 4.50
:
: Historische Romane und Erzählungen
: German
: 464
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Zwei Männer spielten im Leben Elisabeths I. von England als Günstlinge eine entscheidende Rolle. Und beide Männer waren aufs Engste mir Lettice, der berückend schönen Cousine der Königin, verbunden ... Victoria Holt erweckt die verführerische Pracht des Elisabethanischen Zeitalters zu neuem Leben. Der Kampf zwischen der Regentin und Ihrer attraktiven Rivalin enthüllt auch die Schattenseiten des höfischen Lebens, in dem Ehrgeiz und Intrigen eine dominierende Rolle spielten.

Victoria Holt (eines von mehreren Pseudonymen Eleanor Burfords) wurde in London als Tochter eines literaturbegeisterten Kaufmanns geboren. Da mehr Bücher als Geld im Hause waren, begann sie früh zu lesen und bald auch selbst zu schreiben - anfangs Kurzgeschichten, später zahlreiche Romane, die Bestseller wurden und sie zu einer international berühmten Autorin machten.

Im Exil


Während in der Stadt ein Galgen neben dem anderen aufragt und dieöffentlichen Gebäude mit den abgeschlagenen Häuptern der tapfersten Männer des Königreiches verunziert sind, liegt Prinzessin Elisabeth, der kein glücklicheres Schicksal bestimmt scheint, sieben oder acht Meilen von hier krank darnieder, so aufgeschwollen und entstellt, daß ihr Ableben zu befürchten ist.

Antoine de Noailles, französischer Gesandter,über eine von Elisabeths»Lieblingskrankheiten« zur Zeit der Wyatt-Rebellion

Ich wurde im Jahre 1541 geboren, fünf Jahre, nachdem Elisabeths Mutter hingerichtet worden war. Elisabeth war zu jener Zeit acht Jahre alt. Ein Jahr zuvor hatte der König eine andere Verwandte von mir, Katharina Howard, geheiratet. DieÄrmste! Im folgenden Jahr ereilte sie einähnliches Schicksal, wie es Anna Boleyn beschieden war, denn auch Katharina wurde auf Befehl des Königs enthauptet.

Man hatte mich nach meiner Großmutter väterlicherseits auf den Namen Letitia getauft, doch wurde ich stets Lettice genannt. Wir waren eine große Familie; ich hatte sieben Brüder und drei Schwestern. Meine Eltern waren liebevoll, oftmals aber auch streng, dies jedoch nur zu unserem Besten, wie uns immer wieder vor Augen gehalten wurde.

Meine frühe Kindheit verbrachte ich auf dem Landgut Rotherfield Greys, das der König meinem Vater in Anerkennung seiner Dienste etwa drei Jahre vor meiner Geburt zugesprochen hatte. Mein Vater hatte den Besitz zwar von seinem Vater geerbt, doch der König hatte die Gewohnheit, jedes Herrenhaus, das ihm gefiel, für sich in Beschlag zu nehmen– Hampton Court war das Paradebeispiel für diese königliche Habgier–, so daß es beruhigend war zu wissen, daß er den Anspruch meines Vaters auf unser eigenes Hab und Gut anerkannte.

Mein Vater war im Auftrage des Königs häufig von zu Hause abwesend, meine Mutter jedoch ging selten an den Hof. Es mochte wohl sein, daß ihre nahe Verwandtschaft zu des Königs zweiter Gemahlin in Heinrich hätte Erinnerungen wecken können, ohne die er sich wohler fühlte. Man konnte auch kaum erwarten, daß ihm ein Mitglied der Familie Boleyn willkommen sein würde. So lebten wir zurückgezogen, und in den Tagen meiner Kindheit war ich’s zufrieden. Erst als ich heranwuchs, wurde ich rastlos und konnte es kaum erwarten fortzukommen. Die Unterrichtsstunden in dem Schulzimmer mit seinen bleigefaßten Scheiben, den Sitzbänken in den tiefen Fensternischen und dem langen Tisch, an dem wirüber unsere Arbeit gebeugt saßen, kamen mir endlos vor. Meine Mutter besuchte uns und unsere Lehrer häufig im Schulzimmer, um sich unsere Bücher anzusehen undüber unsere Fortschritte berichten zu lassen. Ließen diese zu wünschenübrig, so wurden wir ins Solarium gerufen– es lag im obersten Geschoß unseres Hauses und ließ die Sonne voll ein–, wo wir uns mit einer Handarbeit beschäftigen mußten, und dann einen Vortragüber die Bedeutung der Bildung bei Leuten unseres Standes zu hören bekamen. Unsere Brüder nahmen nicht am Unterricht teil. Wie es damals Sitte war, sollten sie in den Häusern anderer vornehmer Familien aufwachsen und dort erzogen werden, bis die Zeit da war, daß sie nach Oxford oder Cambridge gehen konnten. Henry war bereits von zu Hause fort, die anderen, William, Edward, Robert, Richard und Francis, waren noch zu jung, und Thomas war noch ein Säugling. Während dieser Unterrichtsstunden hörte ich mit meinen Schwestern Cecilia, Catherine und Anne erstmals von Elisabeth.»Meine Cousine ersten Grades«, so sprach meine Mutter stolz von ihr. Elisabeth, wurde uns vorgehalten, sei für uns alle ein Vorbild, dem wir nacheifern sollten. Schon im Alter von fünf Jahren, so schien es, war sie im Lateinischen fast so bewandert wie ein Gelehrter, mit dem Griechischen so vertraut wie mit dem Englischen, und selbstverständlich sprach sie fließend französisch und italienisch. Welch ein Unterschied zu ihren Cousinen, deren Gedanken bei diesen wichtigen Fächern abschweiften, die zum Fenster hinausblickten, statt ihre Augen auf die Bücher zu richten, so daß ihren armen Lehrern nichts anderesübrig blieb, als sich bei der Mutterüber ihr Unvermögen und ihre Unaufmerksamkeit zu beschweren.

Ich war bekannt dafür, daß ich alles sofort aussprach, was mir durch den Kopf ging, und so erklärte ich:»Elisabeth ist bestimmt langweilig. Ich möchte wetten, wenn sie Latein kann und all die anderen Sprachen, dann kennt sie sonst gar nichts.«

»Ich verbiete dir, noch einmal so von Lady Elisabeth zu sprechen«, rief meine Mutter.»Weißt duüberhaupt, wer sie ist?«

»Sie ist die Tochter des Königs und der Königin Anna Boleyn. Das hast du uns oft genug erzählt.«

»Begreifst du denn nicht, was das bedeutet? Sie ist von königlichem Blut, und es ist nicht undenkbar, daß sie eines Tages Königin wird.«

Wir hörten zu, weil sich unsere Mutter nur zu leicht verleiten ließ, den Zweck unserer Anwesenheit im Solarium zu vergessen und von den Tagen ihrer Kindheit zu erzählen. Das war für uns Mädchen dann freilich unterhaltsamer als ein Vortragüber die Notwendigkeit, unsere Gedanken im Unterricht beisammenzuhalten, und wenn sie von ihren eigenen Worten mitgerissen wu