: Marisa Brand
: Das Tarot der Engel Dritter Band der Tarot-Trilogie
: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
: 9783955301668
: Tarot-Trilogie
: 1
: CHF 2.70
:
: Historische Romane und Erzählungen
: German
: 368
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
London 1553. Mitten in der Nacht, im Irrenhaus von Newgate, in dem Geisteskranke als skurrile Attraktionen gefangen gehalten werden. Unter ihnen der Seher Enoch, der das Tarot der Engel beherrscht und die Zukunft Britanniens kennt. Er weissagt, dass Edward VI. bald sterben und eine Frau den Thron einnehmen wird. Zur gleichen Zeit verführt ein Graf die geheimnisvolle Cass, um sie über den Gesundheitszustand des Königs und die Pläne seines größten Konkurrenten auszuhorchen. Tage später wird die junge Frau bewusstlos am Ufer der Themse angeschwemmt. Was macht sie für den Hof so gefährlich?

Die Autorin Marisa Brand wurde 1960 geboren und studierte deutsche und englische Literatur mit dem Schwerpunkt Mittelalter und Philosophie. Anschließend war sie in verschiedenen Berufen tätig, so als Dramaturgin am Kölner Schauspielhaus, Redakteurin einer Tageszeitung, Dozentin für Frauengeschichte und als Drehbuchautorin.

2.


Greenwich Palace


zur selben Stunde


Greenwichs Schlossgärten und die nahe Themse schwammen silbern im Mondlicht. Vom Meer kommend, strich eine salzige Brise über den Fluss, durchflüsterte die Apfelbäume und pflückte erste Blüten. Eine Nacht, wie gemacht für die Liebe.

Und die Lust, dachte Marquis de Selve. Selbst auf die Betschwester, die er in dieser Nacht erwartete. Eine spröde Jungfer Rührmichnichtan des neuen Glaubens.

Er wandte sich vom Bogenfenster ab und nahm von einem Mohrensklaven, um den ihn der halbe Hof beneidete, einen Becher entgegen. Er trank einen Schluck, verzog das makellose Gesicht und spie aus.

»Sacre du nom! Dieser Wein ist eine Beleidigung für den Gaumen. Die Engländer verstehen nichts von Genuss. Ist der erträgliche Burgunder aus dem Keller des Königs schon verbraucht?«

Sein Diener hob bedauernd die Schultern. »Seine Majestät hat seit Tagen keinen neuen geschickt. Und Lord Dudley ...«

»Würde mir höchstens eine Kanne vergiftetes Ale aus der Spülküche zukommen lassen. Ihn beunruhigt, wie sehr König Edward mir zugeneigt ist.«

»Es heißt, er liegt krank zu Bett.«

De Selve hob spöttisch die linke Braue. »Wer? Der Donnerkeil der Reformation, der Wahrer des Reichssiegels, Englands erster Minister, Seine Gnaden der Herzog von Northumberland. Und Graf von Warwick? Kurz: unser geschätzter Speichellecker Lord Dudley?«

Der Mohr schüttelte verwirrt den Kopf. »Nein, der junge König natürlich.«

Natürlich. Das war nichts Neues, aber woher rührte die Krankheit? Und wie schwach war der fünfzehnjährige Thronerbe wirklich? Der Hof und halb Europa schwirrte vor Gerüchten. Die Ordnung der halben Welt – vielleicht der ganzen – hing vom dünnen Lebensfaden dieses Knaben ab. Zwei Halbschwestern standen bereit, um sein Erbe anzutreten. Die erzkatholische Halbspanierin Maria Tudor, Tochter von Heinrichs erster Frau Katharina von Aragon, und die undurchschaubare Protestantenfreundin Elisabeth, Tochter der zweiten Königin Anne Boleyn. Beide waren keine Freundinnen Frankreichs, und beide waren Frauen.

Nach der Geburt seines Sohnes Edward hatte Heinrich der Achte beide Töchter, die verschieden waren wie Tag und Nacht, zu Bastarden erklärt. Auf dem Sterbebett hatte er sie und ihre möglichen Nachkommen jedoch wieder in die Thronfolge eingesetzt. Er hatte jedoch nicht mit dem frühen Ableben Edwards gerechnet. Was, wenn dieser Fall nun einträte? Welche der beiden Töchter würde der Kronrat und allen voran Lord Dudley favorisieren? Wichtiger noch: Galt es nun, Maria oder Elisabeth zu umwerben und rechtzeitig für einen französischen Gatten zu gewinnen?

Er würde es herausfinden. Er musste es herausfinden. Von dieser Betschwester. Von Dudleys neuem Liebling Cass. Ein Lächeln umspielte de Selves vollendet schönen Mund, während er Patchoulikraut und Benzoeharz über einer Räucherpfanne zerrieb. Knisternd kräuselten