: Victoria Holt
: Fluch der Seide
: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
: 9783955305130
: 1
: CHF 4.50
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: Erzählende Literatur
: German
: 378
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Das viktorianische England, das prächtige Florenz, das frivole Paris und das von Düften durchzogene Südfrankreich - das sind die Schauplätze dieses fesselnden Romans, der mit einer Fülle detailgenau gezeichneter Charaktere und immer neuen unheimlichen Bedrohungen aufwartet. Victoria Holt, die Meistererzählerin des Unheimlichen, verbindet in diesem aufregenden Roman ein Höchstmaß an Spannung mit einer romantischen Handlung, die den Leser bis zur letzten Seite fesselt. 'Auf dem Gebiet des romantic suspense gebührt Victoria Holt die Vorherrschaft.' (Time Magazine)

Victoria Holt (eines von mehreren Pseudonymen Eleanor Burfords) wurde in London als Tochter eines literaturbegeisterten Kaufmanns geboren. Da mehr Bücher als Geld im Hause waren, begann sie früh zu lesen und bald auch selbst zu schreiben - anfangs Kurzgeschichten, später zahlreiche Romane, die Bestseller wurden und sie zu einer international berühmten Autorin machten.

Das Haus der Seide


Erst als ich der Kindheit entwuchs, dämmerte es mir, daß meine Anwesenheit im Haus der Seide ziemlich mysteriöse Gründe hatte. Ich gehörte nicht richtig zum Haushalt, und doch hing ich leidenschaftlich an ihm. Das Haus der Seide war für mich eine Quelle der Verwunderung; ich träumte von den Geschehnissen, die sich dort abgespielt, und den Menschen, die im Laufe der Jahrhunderte dort gelebt haben mochten.

Natürlich hatte sich im Laufe der Jahre einiges verändert. Die Sallongers hatten das Gebäude umgebaut, als ein Vorfahre von Sir Francis es vorüber hundert Jahren erwarb. Er hatte es Haus der Seide genannt– ein höchst unpassender, wenngleich begründeter Name. In den alten Urkunden, die Philip Sallonger mir gezeigt hatte, wird das Gebäude als königliche Jagdhütte in Epping Forest aufgeführt.

Stolz stand es da, als seien die Bäume zurückgewichen, um ihm Platz zu machen. Der Garten muß in der Tudorzeit angelegt worden sein; der ummauerte Teil mit den von roten Ziegelsteinen umschlossenen Kräuterbeeten rings um den Teich, an dem die Hermesstatue stand, als wolle sie jeden Augenblick wegfliegen, war typisch für jene Epoche.

Dichter Wald umgab das Anwesen, und von den Fenstern des obersten Stockwerks aus konnte man die majestätischen Bäume sehen, Eichen, Buchen und Kastanien, schön im Frühling, prachtvoll im Sommer, herrlich im Herbst mit den bunten Blättern, die, wenn sie herabfielen, einen Teppich bildeten, durch den wir so gerne geräuschvoll schlurften; aber auch im Winter waren die Bäume schön, wenn sie, ihres Laubes entkleidet, vor dem grauen und oft stürmischen Himmel reizvolle Strukturen bildeten.

Als die Sallongers das geräumige Hausübernahmen, vergrößerten sie es noch. Es diente ihnen als Landsitz. Sie besaßen auch ein Stadthaus, wo Sir Francis sich die meiste Zeit aufhielt; und wenn er nicht dort war, reiste er durch das Land, denn neben dem Hauptwerk in Spitalfields besaß er Fabriken in mehreren Gegenden Englands. Den Sprung in den Adel hatte sein Großvater geschafft, der als einer der größten Seidenfabrikanten des Landes eine Stütze der Gesellschaft darstellte.

Seide war für Sir Francis wichtiger als alles andere, und er hoffte, daß es bei seinen Söhnen Charles und Philip ebenso sein werde, wenn sie ihm einmal bei der Herstellung des schönsten aller Stoffe zur Hand gingen. Wegen dieser Hingabe der Familie an dieses Erzeugnis und in völliger Mißachtung der historischen Zusammenhänge waren die Worte HAUS DER SEIDE in großen Bronzeletternüber dem alten Eingangstor angebracht worden.

Ich konnte mich nicht erinnern, daß ein anderer Ort als das Haus der Seide je mein Heim gewesen wäre. Ich befand mich in einer merkwürdigen Situation, und ich wunderte michüber mich selbst, daß mir das nicht früher aufgefallen war. Kinder halten wohl fast alles für selbstverständlich. Sie kennen nichts anderes als ihre unmittelbare Umgebung.

Ich wuchs in der Kinderstube mit Charles, Philip, Julia und Cassandra, gewöhnlich Cassie genannt, auf. Es war mir nicht bewußt, daß ich wie ein Kuckuck im Nest war. Für sie waren Sir Francis und Lady Sallonger Papa und Mama, für mich waren sie Sir Francis und Lady Sallonger. Nanny, die Herrscherinüber die Kinderstube, musterte mich oft mit geschürzten Lippen, denen leise Luft entwich, was auf eine kritische Einstellung hindeutete. Ich wurde schlicht Lenore gerufen, nicht Fräulein Lenore. Bei den anderen hieß es stets Fräulein Julia und Fräulein Cassie. Auch die Haltung des Kindermädchens Amy, die mich bei den Mahlzeiten immer zuletzt bediente, brachte diese Einstellung zum Ausdruck. Ich spielte mit den abgelegten Spielsachen von Julia und Cassie, nur dann und wann bekam ich eine eigene Puppe oder dergleichen zu Weihnachten. Miss Everton, die Erzieherin, betrachtete mich zuweilen mit einer Miene, die an Verachtung grenzte, und es schien ihr gegen den Strich zu gehen, daß ich eine schnellere Auffassungsgabe besaß als Julia und Cassie. Ich hatte also gewarnt sein müssen.

Der Butler Clarksonübersah mich, aber die anderen Kinderübersah er genauso. Er war ein sehr bedeutender Herr, der mit Mrs. Dillon, der Köchin, im Parterre regierte. Sie waren die Aristokraten der Dienstbotenquartiere, wo die Klassenunterschiede strikter beachtet wurden als in den oberen Etagen. Alle Bediensteten hatten ihren festen Platz in der Hierarchie, von dem sie nicht abrücken konnten. Clarkson und Miss Dillon wachten so strengüber das Protokoll, wie es am Hofe der Königin Viktoria angemessen gewesen wäre. Bei Tisch hatte jeder der Dienstboten seinen bestimmten Platz, Clarkson am oberen Ende, Miss Dillon am unteren. Rechter Hand von Miss Dillon saß der Lakai Henry. Wenn Miss Logan, Lady Sallongers Zofe, in der Küche aß, was sie nicht oft tat, da sie sich ihre Mahlzeiten aufs Zimmer bringen lassen konnte, saß sie an der Seite von Clarkson. Das Stubenmädchen Grace hatte seinen Platz neben Henry. Ferner waren da noch die Dienstmädchen May und Jenny, das Kindermädchen Amy und das Hausmädchen Carrie. Kam Sir Francis ins Haus der Seide, nahm der Kutscher Cobb an den Mahlzeiten des Personals teil, aber die meiste