Das goldene Jubiläum
Während der Feierlichkeiten anläßlich des goldenen Jubiläums der Königin nahmen die Ereignisse eine so dramatische Wendung, daß sie mein ganzes Leben veränderten. Ich war damals erst vierzehn Jahre alt und konnte die Tragweite der Vorgänge, die sich um mich abspielten, erst viel später ermessen. Es war wie der Blick durch ein beschlagenes Glas: Ich sah, was geschah, aber ich verstand nicht, was es bedeutete.
Dem flüchtigen Beobachter mögen wir als eine glückliche Familie erschienen sein. Aber wann sind die Dinge schon so, wie sie scheinen? Wir waren sogenannte wohlhabende Leute. Unser Londoner Wohnsitz befand sich in einem eleganten Viertel unweit vom Hyde Park; für unser leibliches Wohl sorgten Wilkinson, der Butler, und Mrs. Winch, die Haushälterin. Zwischen ihnen herrschte ständig ein mühsam aufrechterhaltener Waffenstillstand, da jeder sehr darauf erpicht war, dem anderen seineÜberlegenheit zu zeigen. In den frühen Morgenstunden, bevor sich die Mitglieder der Familie aus den Betten erhoben, rumorten die niederen Dienstboten umher; sie entfernten die Reste der Kaminfeuer vom Vortag, sie polierten, wischten Staub, bereiteten heißes Wasser, und wenn wir aufstanden, war wie durch Zauberei alles bereit, was wir benötigten. Alle wußten, daß mein Vater höchst ungnädig werden konnte, wenn ein dienstbarer Geist sichtbar wurde; der Anblick eines Häubchens und einer Schürze konnte die Entlassung der Trägerin zur Folge haben. Jedermann im Haus fürchtete Papas Mißfallen– sogar meine Mutter.
Papa, das war Robert Ellis Tressidor– er stammte von Tressidor Manor in Lancarron in Cornwall. Die großen Landgüter befanden sich seit dem 16. Jahrhundert im Familienbesitz, der sich nach der Restauration noch vermehrt hatte. Die großen Familien im Westen des Landes waren damals mit wenigen Ausnahmen uneingeschränkt für den König gewesen, und keine war königstreuer als die Tressidors.
Leider war das Anwesen der Familie meinem Vater weggenommen und von Cousine Mary annektiert worden. (Ich hatte erst nachsehen müssen, was dieses Wort bedeutete, denn ich war eine aufmerksame Zuhörerin und erfuhr das meisteüber die Familie, indem ich Ohren und Augen offenhielt.) Mein Vater und seine Schwester Imogen, die voll Bewunderung an ihm hing, sprachen den Namen von Cousine Mary stets in einem verächtlichen, haßerfüllten Ton aus– jedoch mit einer Spur von Neid, wie ich herauszuhören glaubte.
Ich hatte erfahren, daß mein Großvater einenälteren Bruder gehabt hatte, den Vater von Mary. Sie war sein einziges Kind, und da er derälteste Sohn war, waren Tressidor Manor und sämtliche Ländereien an Mary gefallen statt an meinen Vater, dem sie offenbar rechtmäßig zustanden; denn war er auch der Sohn eines jüngeren Sohnes, so gehörte er doch demüberlegenen Geschlecht an, mit dem zu rivalisieren eine Frau sich nicht erkühnen sollte. Meine Tante Imogen– Lady Carey– war auf ihre Art ebenso furchteinflößend wie mein Vater. Ich hatte die beidenüber das schmähliche Betragen von Cousine Mary sprechen hören, die das Anwesen der Familie mir nichts, dir nichts in Besitz genommen hatte, ohne auch nur einen Augenblick daran zu denken, daß sie damit den rechtmäßigen Erben beraubte.»Diese Harpyie!« wurde sie von Tante Imogen betitelt, und ich stellte mir Cousine Mary mit Kopf und Rumpf einer Frau vor, mit Vogelflügeln und langen Klauen, die nach meinem Vater und Tante Imogen griffen, wie es die Harpyien mit dem bedauernswerten blinden König Phineus machten.
Man konnte sich schwer vorstellen, daß irgend jemand Papa ausspielen konnte, und da dies Cousine Mary gelungen war, nahm ich an, sie müsse wahrhaft furchterregend sein, was mir unwillkürlich eine gewisse Bewunderung für sie einflößte. Als ich das meiner Schwester Olivia erzählte, meinte sie, ich sei ausgesprochen ungerecht. Doch mochte Papa hinsichtlich seines Erbes auch unterlegen sein, in seinem eigenen Haus war er der Herr und Meister. Hier herrschte er unangefochten, und alles hatte so zu geschehen, wie er es verfügte. Wir hatten eine Menge Bedienstete– die notwendig waren, da er imöffentlichen Leben stand und viele gesellschaftliche Verpflichtungen hatte. Er war Vorsitzender verschiedener Komitees und Organisationen, viele darunter im Dienste der Menschlichkeit, wie etwa die Gesellschaft zur Beschäftigung der Armen oder das Komitee zur Rehabilitation gefallener Frauen. Immer trat er für die gute Sache ein. Sein Name stand oft in der Zeitung, und es wurde gemunkelt, daß er es längst verdient hätte, in den Adelsstand erhoben zu werden.
Offensichtlich war er mit vielen wichtigen und einflußreichen Leuten befreundet, darunter auch mit Lord Salisbury, dem Premierminister. Papa hatte einen Sitz im Parlament, gehörte jedoch nicht zum Kabinett– was anscheinend nur eine Frage des freiwilligen Verzichts war–, weil er außerhalb von Westminster zu viele Verpflichtungen hatte. Er fand, er könne seinem Land damit besser dienen, als wenn er sich ausschließlich der Politik widmete. Von Beruf war er Bankier und saß im Aufsichtsrat v