: Victoria Holt
: Die Insel Eden
: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
: 9783955305123
: 1
: CHF 4.50
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: Erzählende Literatur
: German
: 384
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Wer war Annalice Mallorys geheimnisvolle Doppelgängerin Ann Alice, die hundert Jahre vor ihr gelebt hat und deren Bruder die mysteriöse Insel Eden entdecken wollte? Am Grab ihrer Mutter lassen diese Fragen Annalice nicht mehr los, nachdem sie auf die ungepflegte Ruhestätte einer Vorfahrin gleiches Namens stößt. Bald steigert sich ihre Neugier zur Besessenheit, und ihr Bruder macht sich auf, die Insel Eden vor der Küste Australiens zu suchen. Die Ereignisse von vor hundert Jahren scheinen sich auf unheimliche Weise zu wiederholen ... Victoria Holt, die Meistererzählerin des Unheimlichen, verbindet in diesem aufregenden Roman ein Höchstmaß an Spannung mit einer romantischen Handlung, die den Leser bis zur letzten Seite fesselt.

Victoria Holt (eines von mehreren Pseudonymen Eleanor Burfords) wurde in London als Tochter eines literaturbegeisterten Kaufmanns geboren. Da mehr Bücher als Geld im Hause waren, begann sie früh zu lesen und bald auch selbst zu schreiben - anfangs Kurzgeschichten, später zahlreiche Romane, die Bestseller wurden und sie zu einer international berühmten Autorin machten.

Die Gewitternacht


In der Nacht, als das heftige Gewitter niederging, wurde unser Haus wie viele andere im Dorf beschädigt. Ich war damals achtzehn Jahre alt, mein Bruder Philip dreiundzwanzig, und in den folgenden Jahren fragte ich mich oft, wie wohl alles ohne dieses folgenschwere Gewitter verlaufen wäre.

Es war eine der heißesten Perioden seit Menschengedenken. Die Temperatur kletterte aufüber 30°, und es gab kaum ein Gesprächsthema, das sich nicht ums Wetter drehte. Zwei alte Leute und ein Baby starben infolge der Hitze; sogar in den Kirchen wurde um Regen gebetet. Die greise Mrs. Terry, die neunzig Jahre alt war und sich nach einer frivolen Jugend und einem nicht gerade tugendhaften mittleren Alter mit siebzig der Religion zugewandt hatte, erklärte, daß Gott England im allgemeinen und Klein- sowie Groß-Stanton im besonderen strafe, indem er das Vieh verhungern, die Flüsse austrocknen und der Ernte nicht genügend Feuchtigkeit zukommen ließ. Der Tag des Jüngsten Gerichts sei nicht mehr fern, und in der Gewitternacht waren selbst die Skeptischsten unter uns geneigt, Mrs. Terry recht zu geben.

Ich hatte mein ganzes Leben unter Granny M.s Aufsicht in der alten Tudorvilla am Anger verbracht. Das»M« bedeutete Mallory, das war unser Familienname; die eine Großmutter wurde nämlich Granny M. genannt, um sie von Granny C. zu unterscheiden– Granny Cresset; denn mit dem Tod meiner Mutter, die bei meiner Geburt starb, war der Krieg der Großmütter entbrannt.

»Beide wollten uns haben«, hatte Philip erklärt, als ich vier war und er schon neun und sehr klug. Wir kamen uns sehr wichtig vor, weil wir so begehrt waren.

Philip erzählte mir auch, Granny C. habe vorgeschlagen, daß sie eins von uns Kindern und Granny M. das andere nehmen solle– sie wollte uns teilen wie zwei Landstriche, um die sich zwei Generäle zankten. Danach dauerte es lange Zeit, bis ich Granny C. wieder trauen konnte; denn der Mensch, der mir im Leben am meisten bedeutete, war Philip. Er war immer dagewesen, mein großer Bruder, mein Beschützer, der Kluge, der mir fünf Jahre Erfahrung voraus hatte. Gelegentlich stritten wir uns, aber bei solchen Meinungsverschiedenheiten wurde mir erst recht bewußt, wie sehr ich ihn liebte; denn wenn er mir grollte, war mir schrecklich elend zumute.

Der Vorschlag, uns zu teilen, hatte zu unserem Glück bei Granny M. größte Entrüstung hervorgerufen.

»Sie trennen! Niemals!« lautete ihr Schlachtruf, und sie behauptete mit einem Nachdruck, der keinen Widerspruch duldete, daß sie als die Großmutter väterlicherseits den größeren Anspruch besitze. Granny C. unterlag auf der ganzen Linie und war gezwungen, dem Kompromiß zuzustimmen: kurze Sommerferien einmal jährlich in ihrem Haus in Ceshire, gelegentliche Tagesvisiten, Geschenke in Form von Kleidern für mich und Matrosenanzügen für Philip, Strümpfe und Fäustlinge für uns beide zu Weihnachten und Geburtstagen.

Als ich zehn Jahre alt war, erlitt Granny C. einen Schlaganfall und starb.

»Die hätte uns was Schönes eingebrockt, wenn sie die Kinder gekriegt hätte«, hörte ich Granny M. zu Benjamin Darkin sagen. Der alte Benjamin gehörte zu den wenigen, die Granny M. ab und zu widersprachen; er konnte es sich leisten, weil er seit seinem zwölften Lebensjahr im»Geschäft« war und mehr von der Herstellung von Landkarten verstand als sonst ein Mensch auf der Welt, so sagte Granny M.

»Man kann die Dame kaum für Gottes Handeln zur Rechenschaft ziehen, Mrs. Mallory«, erwiderte er mit mildem Vorwurf, und weil er Benjamin Darkin war, ließ Granny M. es dabei bewenden.

Granny M. trat in Klein-Stanton stets als große Dame auf. Wenn sie, wie damals täglich, nach Groß-Stanton mußte, fuhr sie in ihrer Kutsche mit dem Kutscher John Barton und dem kleinen Tom Terry, einem Nachkommen jener Unheilsprophetin, der zur Tugend bekehrten,über neunzigjährigen Mrs. Terry, hinten drauf.

Als Philip achtzehn und für mich der klügste Mensch der Christenheit war, erklärte er mir, daß Leute, die»in etwas einheirateten«, oftmals inniger daran hingen als jene, die hineingeboren waren. Womit er andeuten wollte, daß Granny M. keine geborene Herrin war. Sie hatte Großvater M. geheiratet und war so eine der Mallorys geworden, die in der Villa lebten, seit sie anno 1573 errichtet wurde. Dies wußten wir, weil die Zahl in die Front des Hauses eingemeißelt war. Aber eine stolzere Mallory als Granny M. konnte es nicht geben.

Großvater M. habe ich nie gekannt. Er starb, bevor die große Schlacht der Großmütter begann.

Granny M. regierte das Dorf ebenso tüchtig und selbstherrlich wie ihren eigenen Haushalt. Sie organisierte Feste und Basare und hatte ein wachsames Auge auf unseren gütigen Vikar und seine»wirrköpfige« Frau. Granny M. sorgte dafür, daß die Morgen-und Abendandachten gut besucht waren, und alle Dienstboten hatten sich jeden Sonntag in der Kirche einzufinden– und wenn bestimmte Pflichten dies verhinderten, mußte ein Schichtdienst eingerichtet werden, so daß, wer einen Sonntag ausließ, zumindest am nächsten anwesend war. Philip und ich mußten selbstverständlich immer