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Seit drei Tagen haben wir Mai und ich denke, langsam müsste mal etwas passieren. Meine beste Freundin Junko behauptet nämlich, dass sich im Mai die grässlichsten, aber auch schönsten Dinge ereignen. Liebeskranke Tauben flattern vor Busse, Geister begegnen einem im Schlaf und zwölfjährige Mädchen kriegen so viele Küsse, dass sie es im Nachhinein kaum noch schaffen, all die kusswütigen Anwärter auseinander zu halten.
Möglich, dass Junko einen Knall hat oder der Monat einfach noch nicht weit genug fortgeschritten ist, denn weder habe ich irgendwo eine vom Bus zermatschte Taube entdeckt noch ist mir im Schlaf ein Geist begegnet, geschweige denn dass ich auch nur ansatzweise von einem Jungen geküsst worden wäre. Die bittere Wahrheit ist: Ich bin noch nie geküsst worden. Was an mehreren Faktoren liegen könnte:
– Mein Bruder Lukas – genannt der Mutant – wirkt abschreckend auf potenzielle Anwärter. Er gehört zu der Gattung Angeber, die sich am liebsten den ganzen Tag lang auf ihre (so gar nicht muskulöse und behaarte) Brust trommeln würde.
– Die winzige Wohnung, in der Mama, der Mutant und ich leben, wirkt abschreckend.
– Der Beruf meiner Mutter (Arzthelferin in einer orthopädischen Praxis) wirkt abschreckend. Hammerzehen, Krummrücken und verwachsene Hüften – um nur ein paar Beispiele zu nennen ...
– Ich selbst wirke abschreckend. Ständig Pickel am Kinn. Ständig Mitesser auf der Nase. Zwar lange, dafür aber sehr dünne Haare. Hautfarbe: frischkäsebleich.
– Wenn ich mit meiner Freundin Junko zusammen bin, fliegen alle nur auf sie. Japanerin. Exotisches Gesicht. Schöne, glänzende Haare. Außerdem ward noch nie ein Pickel in ihrem zauberhaften Antlitz gesichtet.
Wie üblich sitzen wir nach der Schule in Junkos türkisblauem Meerzimmer und langweilen uns. Wir langweilen uns so sehr, dass wir fast dazu bereit wären, noch ein paar Hausaufgaben mehr als verlangt zu machen. Vielleicht eine kleine, fiese Versuchsanordnung für Chemie aufzustellen, einen haarigen Dreisatz zu lösen oder grammatikalische Sonderfälle im Englischen zu pauken, bis uns die Ohre