1. Kapitel
MARIE
Sind dumme Frauen besser im Bett? Die Frage steht im Raum, und die klugen Frauen winden sich in frigidem Schweigen. Die Männer lächeln, denn wer oben liegt, der weiß Bescheid. Sex ist ein Thema, das berührt. Sex steigert die Auflage. Sex ist die Aktie, die sich jeder kaufen kann, das Allgemeingut unserer Erfahrungen,Ängste und Begierden. Also sprechen wir darüber, als ob es aufüberflüssige Fragen flüssige Antworten gäbe, und wir sind geübt darin,über alles zu reden, was wir nicht denken, woran wir nicht glauben, was wir nicht tun. Eine Allianz von Affen in intellektueller Rüstung, sexuell leicht erregbar. Wer nichts zu sagen hat, gilt als impotent. Alsoöffne ich meinen Mund.»Ficken kluge Männer aufregender?«
Conrad bestraft mich mit einem sehr irritierten Blick. An seinem Oberlippenbart kleben Spuren von Eigelb. Jeden Morgen isst Conrad Bartsch vier Scheiben Toast mit Diätmargarine und zwei gekochte Eier im Glas, außen fest und innen weich, exakt vier Minuten gekocht. Dazu trinkt er vier Tassen fair gehandelten Kaffees, der gute Mensch der globalen Gesten. Ich kenne seine Frühstücksgewohnheiten, denn ich habe drei Nächte mit ihm verbracht. Ich lag unter ihm, die Schwere des Chefredakteurs ertragend, um aufzusteigen. Eine Frau mit meiner Vergangenheit sucht Abkürzungen auf dem Weg nach oben. Jetzt bin ich Ressortleiterin, die jüngste der Zeitung. Ich möchte geliebt werden und weiß, dass all dieÜbergangenen, Erfolglosen, nicht mehr Jungen und niemals Schönen mich hassen und auf einen Fehler warten, der mich vernichten könnte.
Erfolgreiche Männer sind hastige Liebhaber, denn sie haben wenig Zeit zu vergeben. Ich spreche es nicht aus, denn ich will niemanden verletzen, der mir schaden könnte. Wir alle wollen geliebt werden.
Conrad hat eine Frau mit einem Bein geheiratet, und wir wissen, dass er etwas Besonderes ist. Einer, der Behinderungen als Herausforderung betrachtet. Unsereäußerliche Unversehrtheit reizt ihn zu moralischer Verstümmelung. Die Redaktionskonferenz ist sein Spielplatz zur Dressur von Labormäusen. Wir können uns ihm widersetzen, ihm widersprechen– oder den Weg des geringsten Widerstands gehen, den wir als angenehmer empfinden. Die Story schlachten, wenn er sie kritisch hinterfragt. Die Ideen anderer loben, bis er argwöhnisch blinzelt. Wir sind biegsam bis zum Umfallen, aber darin sind wir gut.
Keiner liebt uns, wenn wir zu den Verlierern zählen, und wer wüsste das besser als ich, die achtzehn lange Jahre im Hinterhof der Gesellschaft lebte, im Außentoilettenmilieu der lästigen Kinder undüberforderten Mütter. Meine war schon tot, als ich auf die Welt kam, irgendwann im Lauf ihres Hurenlebens zur Hülle verkommen, die wie ein Mensch funktionierte, um zu trinken, zu essen, zu atmen und eine gute Mutter zu sein. Denn das war sie, wenn sie nicht betrunken war oder ihre Freier bediente, zuerst auf dem Straßenstrich und dann als Frau mit der Peitsche in einem zweitklassigen Bordell. Mein kleines Geheimnis, das ich hüte wie einen Schatz, der sich nicht begraben lässt.
Ich schätze meine Selbstdisziplin, die sich von den Schwächen der anderen wohltuend abhebt. Isolde kaut an ihren Fingernägeln. Sie neigt dazu, in Tränen auszubrechen, wenn Conrad sie verbal angreift, und er ist in einer seiner gefährlichen Stimmungen, in denen er ein Opfer braucht, um sich besser zu fühlen. Isolde präsentiert sich der Welt als Opfer, das Schonung verdient. Zwei Selbstmordversuche, von denen