Es reicht
Die Waschmaschine meldet freundlicherweise, dass sie den Waschgang beendet hat. Seit zehn Minuten nervt der Signalton extrem. Und wenn ich rufe: »Es reicht!«, dann reagiert die Maschine nicht. Kruzitürken noch mal! Wann endlich wird es Haushaltsgeräte geben, die auf Zuruf reagieren? Eine freundliche Frauenstimme meldet: »Ihr Sechzig-Grad-Waschgang wurde soeben beendet. Bitte legen Sie die Wäsche in den Trockner.« Es reicht! Wo ist Rosi, wenn man sie mal braucht?
Ich rufe: »Kann denn nicht mal jemand diese Scheißwaschmaschine ausschalten?«
Rosi antwortet aus dem Off: »Geht grad nicht!«
Sie ist verhindert, sie kämpft mit einem Boss bei einem Onlinespiel.
»Ich kann auch nicht«, rufe ich. »Ich kämpfe gerade mit meinem Computer und ich glaub, ich verliere.«
Bei diesem Gepiepse kann kein Mensch konzentriert arbeiten. Ich sitze über einem Text, der meine volle geistige Kraft verlangt. Ich denke über linkes und rechtes Denken nach und versuche, die Unterschiede herauszuarbeiten. Ich will meine Gedanken einfach und verständlich formulieren. Das fällt mir gar nicht so leicht. Kompliziert ist einfacher. Wütend mache ich mich auf den Weg zur Waschmaschine, die bedrohlich blinkt. Ich öffne die Frontklappe.
Die Maschine piepst beharrlich weiter.
»Rosi, wo schaltet man diese verdammte Maschine aus?«
»Mann«, ruft Rosi, »du wirst doch eine Waschmaschine ausschalten können!«
»Eben nicht.«
»Jonas, stell dich nicht dümmer, als du bist.«
Ich gebe mir größte Mühe. Schließlich gelingt es mir, die Maschine zum Schweigen zu bringen. Auf dem Weg zurück an den Laptop lege ich einen Zwischenstopp bei Rosi ein, die konzentriert vor dem Fernseher sitzt und kämpft. Es blitzt und kracht. Fantasiefiguren flitzen durch irgendwelche Welten. Ein bunter Kampf ist im Gange. Höchst dramatisch sieht das alles aus.
Ich: »Bitte, Rosi, kannst du mir den substanziellen Unterschied von links und rechts mal erklären?«
Rosi: »Mein Vater hat immer gesagt: Links ist da, wo der Daumen rechts ist.«
Ich: »Ja, im Ansatz richtig, aber nicht differenziert genug.«
Rosi: »Ich habe da drüber noch nicht nachgedacht. Du bist der Politologe, der intellektuelle Überbau ist dein Fachgebiet. Ich bin für die normalen Wissensgebiete zuständig, Bügelweisheiten, Kochkunde und Putzen. Meine Welt ist die Praxis.«
Ich: »Verstehe, ich bin für die Theorie zuständig, und du für die Praxis. Liebe Rosi, es gibt auch eine linke Praxis. Ich darf dich an die elfte These über Feuerbach erinnern.«
Rosi: »Lieber nicht.«
Ich: »Karl Marx sagt: Bisher haben die Philosophen die Welt verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern.«
Rosi: »Guter Mann, der Marx! Also, verändere du die Wirklichkeit, nimm die Wäsche aus der Maschine und leg sie in den Trockner!«
Ich murmle: »Das auch noch.«
Rosi: »Klar gibt es auch linke Praxis. Nur dass die Linken oft nicht zum Handeln kommen, weil sie noch mal drüber reden müssen.«
Ich will jetzt nicht widersprechen. Ich müsste dann weit ausholen. Bei der Französischen Revolution beginnen. Lieber nicht. Sage stattdessen nur: »Ach was!« Und fahre fort mit der Frage: »Worin besteht der grundlegende Unterschied im rechten und linken Denken?« Ich will versuchen