: Morris L. West
: Die Stunde des Fremden
: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
: 9783955302498
: 1
: CHF 3.60
:
: Spannung
: German
: 176
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Der amerikanische Reporter Ashley steht im Begriff, die Reportage seines Lebens zu schreiben - seine 'Big Story'. Es ist ihm gelungen, einen riesigen Korruptionsskandal aufzudecken : Amerikanische Gelder, die für den Wiederaufbau verarmter und zerstörter Gebiete Süditaliens bestimmt waren, sind verschwunden - veruntreut oder in falsche Kanäle geraten. Aber gegen die Korruption der einheimischen Polizei und die zu einem gefährlichen Netz gesponnenen Intrigen seines mächtigen Gegenspielers, des Herzogs von Orgagna, der hier im Süden alle Fäden in der Hand hält, ist der Fremde machtlos. Sein hartnäckiger Optimismus ist den abgründigen Machenschaften dieses Landes nicht gewachsen. Muss Ashley das Spiel verloren geben?

Morris Langlo West wurde 1916 in St. Kilda, Australien geboren. Mit 14 Jahren trat er in den Orden der Christian Brothers ein, der Katholizismus beeinflusste West nachhaltig. 1937 schloss er sein Studium an der University of Melbourne ab und unterrichtete anschließend moderne Sprachen und Mathematik an den Klosterschulen des Ordens in New South Wales. 1942 verließ er den Orden und kämpfte etwa zu dieser Zeit auch im Zweiten Weltkrieg, bis er 1943 Sekretät des früheren australischen Premierministers, Billy Hughes, wurde. Während seiner Zeit bei der Armee schrieb er ein Buch über sein Leben im Kloster, das er 1945 unter dem Pseudonym Julian Morris veröffentlichte. Etwa zur Zeit des Kriegsendes arbeitete er für den australischen Rundfunk, nachdem er jedoch wegen eines Zusammenbruchs ein Jahr im Krankenhaus gelegen hatte, verkaufte er sein Unternehmen und arbeitete fortan ausschließlich als Schriftsteller. Sein erster Gedichtband erschien 1955, gefolgt von den erfolgreichen Romanen 'Gallows on the Sand' im selben Jahr und 'Kundu' ein Jahr später. Mit dem Geld, das er mit den Romanen verdiente, reiste er ins Ausland und lebte einige Zeit in Österreich, Italien, England und den USA. Viele seiner Bücher sind von seiner Zeit in Italien inspiriert. Erst 1980 kehrte er nach Australien zurück. Wests Bekanntheit wurde durch einige Verfilmungen seiner Bücher noch gesteigert. Viele seiner Werke behandeln ethisch-religiöse Konflikte oder haben politische Brisanz. Am 9. Oktober 1999 starb Morris West in Sydney.

II

Harlequins Worte trafen Richard Ashley wie ein Fausthieb. Einen Augenblick lang wollte sich der amerikanische Reporter auf ihn stürzen, ihn ins Gesicht schlagen und von der Terrasse hinunterschleudern. Statt dessen aber lehnte er sich zurück, schloß die Augen und umklammerte das Geländer der Balustrade so fest, daß das rostige Metall in seine Handflächen schnitt. Er war krank vor Wut. Sein Magen krampfte sich zusammen.

Langsam und schmerzhaft faßte er sich wieder. Als er die Augen öffnete, stand George Harlequin noch immer vor ihm und musterte ihn mit düsteren Blicken. Endlich fand Ashley seine Stimme wieder.

«Du kaltblütiger Schweinehund! Du miserabler Dreckfink! Mehr als zehn Jahre habe ich Rossana nicht gesehen. Ich habe sie geliebt, jawohl! Ich liebe sie noch immer. Sie war meine Geliebte, und ich hätte sie auch geheiratet. Sie selbst hat sich für Orgagna entschieden. Ich habe ihr Glück gewünscht und versucht, sie zu vergessen. Mit dieser Geschichte hat sie nicht mehr zu tun als der Mann im Mond.»

«Als seine Frau ist sie immerhin in die Angelegenheit verwickelt.»

«Sie istseine Frau, nicht meine.»

«Ich wünschte», sagte Harlequin feierlich, «ich wünschte wirklich, ich könnte meiner Motive immer so sicher sein wie Sie. Sie können sich glücklich preisen, Ashley. Es – es tut mir leid, daß ich das gesagt habe. Ich bitte um Verzeihung.»

Er streckte seine Hand aus. Ashley ergriff sie nicht. «Die können Sie für sich behalten!»

Harlequin zuckte die Schultern.

«Ich darf also annehmen», fragte er, «daß Sie die Story bringen?»

«Das dürfen Sie allerdings», sagte Ashley entschlossen. «Ich werde sie bringen. Absatz für Absatz, einschließlich Photokopien. Ich werde beweisen, daß in den Hinterhöfen von Neapel Kinder sterben müssen, weil Vittorio Orgagna amerikanische Hilfsgelder in seine eigene Tasche gesteckt hat. Ich werde beweisen, daß es zwischen Neapel und Eboli zweihunderttausend Arbeitslose gibt, weil Orgagna und seine feinen Freunde für dieses Gebiet bestimmte amerikanische Wiederaufbau-Gelder widerrechtlich in ihre Unternehmungen im Norden gesteckt haben. Ich werde beweisen, daß amerikanisches Saatgetreide an seine Parteigenossen verkauft, anstatt an Bauern verschenkt wurde. Und daß der Mann, der diesen Schwindel bewerkstelligt hat, Vittorio Orgagna war. Ich werde die Bilanzen seiner Unternehmungen veröffentlichen und die Höhe seiner geheimen amerikanischen Bankguthaben. Und Sie können meinetwegen zum Teufel gehen – Sie und die Leute, die Sie geschickt haben.»

«Sie spielen mit dem Feuer.»

«Ich spiele nicht.»

Der kleine Engländer ließ die Schultern fallen. Sein jungenhaftes Gesicht schien plötzlich grau und alt. Er wandte sich ab. Dann, als wäre ihm plötzlich ein neuer Gedanke gekommen, drehte er sich wieder zu Ashley um.

«Lassen Sie mich Ihnen einen Rat geben. Italien ist ein altes Land mit einer bewegten Geschichte. Voller Gewalttätigkeit, Korruption, Intrigen und politischer Morde. Die Familie Orgagna ist in vielen Jahrhunderten dieser Geschichte großgeworden. Seien Sie auf Ihrer Hut, lieber Freund! Seien Sie auf Ihrer Hut! Und wenn Sie sich’s überlegt haben, kommen Sie zu mir.»

«Eher treffe ich Sie in der Hölle.»

«Durchaus möglich», sagte Harlequin.

Dann war er fort, und Ashley blieb allein zurück auf der Terrasse hoch über dem sommerlichen Meer. Durch die Entfernung gedämpft, wehten die Geräusche vom Strand her zu ihm herauf. Die Rufe der braungebrannten Jungen, das schrille Gelächter der Mädchen, das Aufklatschen der Springer, die blecherne Musik aus Kofferradios und das Tucktuck eines kleinen Ausflugdampfers. Es war Ferienzeit im Süden – die Zeit für Sirenengesänge, die Zeit für Tänze der Faune. Wer klug war, verbrachte seine Tage in der Sonne und seine Nächte mit einer schönen Frau unter de