: Morris L. West
: Der Botschafter
: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
: 9783955302405
: 1
: CHF 3.60
:
: Spannung
: German
: 224
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Maxwell Gordon Amberley wird als US-Botschafter mit besonderen Vollmachten nach Saigon berufen. Obwohl innerlich zerrissen und labil, wird er in die Machtposition eines Mannes gedrängt, der über das Schicksal Tausender entscheiden muß. Er gerät in ein Netz gefährlicher Intrigen, an denen die großen Mächte ebenso beteiligt sind wie religiöse, wirtschaftliche und politische Interessengruppen. Ganz auf sich gestellt, bürdet Amberley sich schließlich eine Schuld auf, an der er nahezu zerbricht... Morris L. West versteht es meisterhaft, brisante Themen und ungewöhnliche Zusammenhänge zu einem fesselnden und bewegenden Gesellschaftsroman zu verdichten: dem seinerzeit ersten großen Roman über den Vietnam-Konflikt.

Morris Langlo West wurde 1916 in St. Kilda, Australien geboren. Mit 14 Jahren trat er in den Orden der Christian Brothers ein, der Katholizismus beeinflusste West nachhaltig. 1937 schloss er sein Studium an der University of Melbourne ab und unterrichtete anschließend moderne Sprachen und Mathematik an den Klosterschulen des Ordens in New South Wales. 1942 verließ er den Orden und kämpfte etwa zu dieser Zeit auch im Zweiten Weltkrieg, bis er 1943 Sekretät des früheren australischen Premierministers, Billy Hughes, wurde. Während seiner Zeit bei der Armee schrieb er ein Buch über sein Leben im Kloster, das er 1945 unter dem Pseudonym Julian Morris veröffentlichte. Etwa zur Zeit des Kriegsendes arbeitete er für den australischen Rundfunk, nachdem er jedoch wegen eines Zusammenbruchs ein Jahr im Krankenhaus gelegen hatte, verkaufte er sein Unternehmen und arbeitete fortan ausschließlich als Schriftsteller. Sein erster Gedichtband erschien 1955, gefolgt von den erfolgreichen Romanen 'Gallows on the Sand' im selben Jahr und 'Kundu' ein Jahr später. Mit dem Geld, das er mit den Romanen verdiente, reiste er ins Ausland und lebte einige Zeit in Österreich, Italien, England und den USA. Viele seiner Bücher sind von seiner Zeit in Italien inspiriert. Erst 1980 kehrte er nach Australien zurück. Wests Bekanntheit wurde durch einige Verfilmungen seiner Bücher noch gesteigert. Viele seiner Werke behandeln ethisch-religiöse Konflikte oder haben politische Brisanz. Am 9. Oktober 1999 starb Morris West in Sydney.

Erstes Kapitel


Meine Fähigkeiten als Diplomat sind anerkannt. In seinem Abschiedsschreiben bezeichnete der Präsident meine Karriere als glänzend und verdienstvoll, meine Arbeit als einen Gewinn für die Vereinigten Staaten von Amerika. Ich habe dieses Kompliment nicht ohne Ironie entgegengenommen, dennoch war ich mir bewußt, es verdient zu haben.

Fünfunddreißig Jahre lang war ich im Auswärtigen Dienst, zehn Jahre davon als Botschafter. Ich habe meinen Anteil an schwierigen Missionen geleistet und genug Kastanien aus dem Feuer geholt. Nicht einmal meine Gegner können mich offenkundiger Fehler zeihen. Ein oder zwei spektakuläre Erfolge sprechen für sich selbst.

Einige meiner Freunde halten meinen Entschluß, den Dienst mitten in einer aufsteigenden Karriere zu quittieren, für mein diplomatisches Meisterstück. Sie weisen darauf hin, daß der Präsident, dessen Wohlwollen ich in hohem Maße besitze, mich jederzeit zur Übernahme von Sonderaufträgen zurückrufen könne, andererseits hätte ich nun endlich die Hände frei, meine ehrgeizigen politischen Ziele zu verfolgen.

Meine Freunde setzen voraus, daß ich politischen Ehrgeiz besitze. Man kennt mich als einen kühlen Rechner und hartgesottenen Verhandlungspartner – ein Ruf, der einer diplomatischen Karriere nur förderlich sein kann. Sollte ich mich geändert haben, so hatten meine Freunde bisher wenig Zeit und Gelegenheit, es wahrzunehmen. Das Gewissen, das Maxwell Gordon Amberley – wie sollten sie davon wissen, da doch Maxwell Gordon Amberley selbst es erst vor kurzem entdeckt hat? Ich habe mich, was meinen Abschied betrifft, peinlich genau an die Gepflogenheiten des Staatsdienstes gehalten. Nach Phung Van Cungs Tod blieb ich noch volle zwölf Monate im Dienst – mehr als genug, um die Regierung von jeglicher Verantwortung für diesen Tod und seine Folgen zu entbinden. Dann fuhr ich zu einem Routinebesuch nach Washington, gab Handküsse und absolvierte Besprechungen über den nächsten Auftrag. In einer New Yorker Klinik unterzog ich mich einer Generaluntersuchung. Drei Wochen später reichte ich mein Rücktrittsgesuch ein – aus Gesundheitsrücksichten.

Die wahren Gründe? Sie zu suchen, bin ich hier, in dem alten Zen-Heiligtum von Tenryu-ji: dem Tempel des Himmlischen Drachen bei Kioto in Japan.

Es ist Herbst. Der heilige Ahorn am Tor flammt rot vor der dunklen Mauer der Pinien. Der Himmel hat den heimlichen Glanz von Perlen. Still liegen die abgefallenen Blätter auf den Teichen und den geharkten Sandwegen, auf den Steinen und dem lebendigen Grün der Moosflecken. Auf meinen Spaziergängen sehe ich den Mönchen bei der Pflege ihres Gartens zu. Sie arbeiten stetig, mit Geduld und Hingabe für das einzelne; aus jeder Pflanze, jedem Grashalm lassen sie einen Goldenen Buddha erstehen.

Mit gekreuzten Beinen sitze ich auf der Strohmatte in Muso Sosekis Haus und trinke Tee, den er mir nach den vorgeschriebenen Zeremonien bereitet hat. Von Muso Soseki lasse ich mich durch einen der meditativen Dialoge führen, dieMondo genannt werden.

»Warum kommst du hierher?«

»Ich suche Erleuchtung.«

»Warum hast du sie nicht gefunden?«

»Weil ich sie suche.«

»Wie wirst du sie finden?«

»Indem ich nicht suche.«

»Wo wirst du sie finden?«

»Nirgendwo.«

»Wann wirst du sie finden?«

»Niemals.«

Der Dialog gleicht der Anlage des Tempels, des Gartens, des Hauses. Hier ist alles sparsam und karg, voller Bedeutung, ins Unendliche weisend. Die Matte, auf der ich sitze, scheint sich über den Sand der Pfade und die vom Flossenschlag der Karpfen gekräuselten Teiche fortzusetzen.

Muso Soseki ist ein Mönch des Zen-Kultes. Er ist auch Wächter, Gärtner, Meister der Kalligraphie und der Kunst des Drückens mit Holzblöcken. Die Pinselstriche seines Namens bedeuten: Fenster, das sich auf einen Traum öffnet. Er ist fünfundsiebzig Jahre alt, stämmig, braun, verwittert wie altes G