Erstes Kapitel
Meine Fähigkeiten als Diplomat sind anerkannt. In seinem Abschiedsschreiben bezeichnete der Präsident meine Karriere als glänzend und verdienstvoll, meine Arbeit als einen Gewinn für die Vereinigten Staaten von Amerika. Ich habe dieses Kompliment nicht ohne Ironie entgegengenommen, dennoch war ich mir bewußt, es verdient zu haben.
Fünfunddreißig Jahre lang war ich im Auswärtigen Dienst, zehn Jahre davon als Botschafter. Ich habe meinen Anteil an schwierigen Missionen geleistet und genug Kastanien aus dem Feuer geholt. Nicht einmal meine Gegner können mich offenkundiger Fehler zeihen. Ein oder zwei spektakuläre Erfolge sprechen für sich selbst.
Einige meiner Freunde halten meinen Entschluß, den Dienst mitten in einer aufsteigenden Karriere zu quittieren, für mein diplomatisches Meisterstück. Sie weisen darauf hin, daß der Präsident, dessen Wohlwollen ich in hohem Maße besitze, mich jederzeit zur Übernahme von Sonderaufträgen zurückrufen könne, andererseits hätte ich nun endlich die Hände frei, meine ehrgeizigen politischen Ziele zu verfolgen.
Meine Freunde setzen voraus, daß ich politischen Ehrgeiz besitze. Man kennt mich als einen kühlen Rechner und hartgesottenen Verhandlungspartner – ein Ruf, der einer diplomatischen Karriere nur förderlich sein kann. Sollte ich mich geändert haben, so hatten meine Freunde bisher wenig Zeit und Gelegenheit, es wahrzunehmen. Das Gewissen, das Maxwell Gordon Amberley – wie sollten sie davon wissen, da doch Maxwell Gordon Amberley selbst es erst vor kurzem entdeckt hat? Ich habe mich, was meinen Abschied betrifft, peinlich genau an die Gepflogenheiten des Staatsdienstes gehalten. Nach Phung Van Cungs Tod blieb ich noch volle zwölf Monate im Dienst – mehr als genug, um die Regierung von jeglicher Verantwortung für diesen Tod und seine Folgen zu entbinden. Dann fuhr ich zu einem Routinebesuch nach Washington, gab Handküsse und absolvierte Besprechungen über den nächsten Auftrag. In einer New Yorker Klinik unterzog ich mich einer Generaluntersuchung. Drei Wochen später reichte ich mein Rücktrittsgesuch ein – aus Gesundheitsrücksichten.
Die wahren Gründe? Sie zu suchen, bin ich hier, in dem alten Zen-Heiligtum von Tenryu-ji: dem Tempel des Himmlischen Drachen bei Kioto in Japan.
Es ist Herbst. Der heilige Ahorn am Tor flammt rot vor der dunklen Mauer der Pinien. Der Himmel hat den heimlichen Glanz von Perlen. Still liegen die abgefallenen Blätter auf den Teichen und den geharkten Sandwegen, auf den Steinen und dem lebendigen Grün der Moosflecken. Auf meinen Spaziergängen sehe ich den Mönchen bei der Pflege ihres Gartens zu. Sie arbeiten stetig, mit Geduld und Hingabe für das einzelne; aus jeder Pflanze, jedem Grashalm lassen sie einen Goldenen Buddha erstehen.
Mit gekreuzten Beinen sitze ich auf der Strohmatte in Muso Sosekis Haus und trinke Tee, den er mir nach den vorgeschriebenen Zeremonien bereitet hat. Von Muso Soseki lasse ich mich durch einen der meditativen Dialoge führen, dieMondo genannt werden.
»Warum kommst du hierher?«
»Ich suche Erleuchtung.«
»Warum hast du sie nicht gefunden?«
»Weil ich sie suche.«
»Wie wirst du sie finden?«
»Indem ich nicht suche.«
»Wo wirst du sie finden?«
»Nirgendwo.«
»Wann wirst du sie finden?«
»Niemals.«
Der Dialog gleicht der Anlage des Tempels, des Gartens, des Hauses. Hier ist alles sparsam und karg, voller Bedeutung, ins Unendliche weisend. Die Matte, auf der ich sitze, scheint sich über den Sand der Pfade und die vom Flossenschlag der Karpfen gekräuselten Teiche fortzusetzen.
Muso Soseki ist ein Mönch des Zen-Kultes. Er ist auch Wächter, Gärtner, Meister der Kalligraphie und der Kunst des Drückens mit Holzblöcken. Die Pinselstriche seines Namens bedeuten: Fenster, das sich auf einen Traum öffnet. Er ist fünfundsiebzig Jahre alt, stämmig, braun, verwittert wie altes G