Kapitel 1
Als der Bummelzug in die Bahnstation einfuhr, sagte ich mir: Es ist noch nicht zu spät. Du kannst noch umkehren.
Während der langen Reise durch England und der nächtlichen Fahrtüber denÄrmelkanal hatte ich mir Mut gemacht, indem ich mir versicherte, daß ich kein törichtes Mädchen war, sondern eine vernünftige junge Frau, die sich zu einem Schritt entschlossen hatte und diesen nun auch ausführen würde.
Was allerdings mit mir geschehen würde, wenn ich im Schloß ankam, hing von den anderen ab. Ich gelobte mir jedoch, würdevoll aufzutreten, meinen verzweifeltenÜbereifer nicht zu verraten und die Tatsache zu verbergen, daß mich bei dem Gedanken an meine Zukunft, falls man mich abwies, Angst beschlich. MeinÄußeres sprach– zum erstenmal in meinem Leben– zu meinen Gunsten. Ich war achtundzwanzig und wollte in meinem grauen Reisemantel und mit dem gleichfarbigen Filzhut tüchtig aussehen.
Der Zug hielt. Außer mir stieg nur eine Bäuerin aus, einen Korb mit Eiern unter dem einen Arm, ein lebendes Huhn unter dem anderen. Ich zerrte meine Koffer heraus. Sie enthielten alles, was ich besaß.
Der einzige Bahnbeamte stand an der Sperre.
»Guten Tag, Madame«, sagte er zu der Bäuerin.»Wenn Sie sich nicht beeilen, wird das Baby geboren, bevor Sie ankommen. Wie ich höre, hat eure Marie seit drei Stunden Wehen. Die Hebamme ist schon da.«
»Betet, daß es diesmal ein Junge wird ...«
Der Mann interessierte sich jedoch mehr für mich als für das Geschlecht des erwarteten Babys. Ich merkte, wie er mich betrachtete, während er sich mit der Bäuerin unterhielt. Als er vortrat, um den Zug mit seiner Trillerpfeife weiter auf die Reise zu schicken, kam ein alter Mann auf den Bahnsteig gehastet.
»He, Joseph!« begrüßte der Bahnbeamte ihn und wies mit einem Kopfnicken auf mich.
Joseph blickte zu mir herüber und schüttelte den Kopf.
»Sind Sie vom Château Gaillard?« fragte ich auf französisch, das ich seit meiner Kindheit fließend spreche. Meine Mutter war Französin gewesen, und wir hatten uns immer in ihrer Sprache unterhalten, obgleich in Gegenwart meines Vaters englisch gesprochen wurde.
Joseph kam auf mich zu, den Mund leicht geöffnet, die Augen ungläubig aufgerissen.»Ja, Mademoiselle, aber ...«
»Sie sind also gekommen, um mich abzuholen.«
»Ich sollte einen Monsieur Lawson abholen, Mademoiselle.«
Ich lächelte und wies auf die Schilder auf meinem Gepäck.»Ich bin Mademoiselle Lawson.«
»Aus England?« fragte er.
Ich bestätigte das.
»Mir wurde gesagt, einHerr.«
»Das war ein Mißverständnis.«
Joseph und der Bahnbeamte trugen meine Koffer zu der wartenden zweirädrigen Kutsche. Ich folgte, und nach wenigen Augenblicken fuhren wir los.
»Ist es weit zum Schloß?« fragte ich.
»Ungefähr zwei Kilometer, Mademoiselle. Sie werden es bald sehen.«
Ich betrachtete die fruchtbare Weingegend um mich herum. Es war Ende Oktober. Die Ernte war vorbei. Vermutlich bereiteten sie jetzt den Anbau fürs nächste Jahr vor. Wir kamen auch an dem kleinen Ort mit dem Marktplatz vorbei, der von der Kirche und dem Rathaus beherrscht wurde und von dem die engen Straßen mit den kleinen Läden und Häusern abzweigten.
Und dann erblickte ich das Schloß, jenes großartige Bauwerk aus dem fünfzehnten Jahrhundert, das sich inmitten von Weinbergen erhob. Rundtürme flankierten das Hauptgebäude. Die Haupttreppe würde wohl in dem polygonen Turm sein. Die mächtigen Strebepfeiler und Türme schienen zur besseren Verteidigung gebaut. Ich schätzte ab, wie dick die Wände mit den schmalen Fensterschlitzen wohl sein mochten. Die Zugbrücke, der Burggraben– jetzt natürlich ausgetrocknet–, die mit Kragsteinen versehene Brustwehr, die von vielen Pechnasen gestützt wurde, all das erinnerte wahrlich an eine Festung. Durch meinen Vater wußte ich ziemlich gut Bescheidüber alte Bauwerke. Der alte Joseph sagte:»Am Schloßändert sich nichts. Monsieur le Comte sorgt dafür.«
Monsieur le Comte. Er war der Mann, dem ich gegenübertreten mußte. Ich versuchte, ihn mir vorzustellen, den reservierten Aristokraten, der mit hochmütiger Gleichgültigkeit auf dem Leiterwagen durch die Straßen von Paris zur Guillotine gefahren wäre. Genauso würde er mich verbannen.
Lächerlich, würde er sagen, meine Aufforderung war eindeutig an Ihren Vater gerichtet. Sie werden unverzüglich wieder abreisen. Es würde sinnlos sein zu versichern, daß ich genauso kompetent wie mein Vater war. Ich arbeitete mit ihm zusammen. Tatsächlich verstehe ich mehr von alten Gemälden als er; es war das Arbeitsgebiet, das er immer mirüberließ.
Joseph musterte mich scharf. Er fand es, wie ich sehen konnte, sehr sonderbar, daß der Graf nach einer Frau geschickt hatte.
In meiner Tasche steckte die Aufforderung des Grafen. Nein, das war nicht die richtige Bezeichnung. Monsieur le Comte würde niemals auffordern; er befahl wie ein König seinem Untertan.
Monsieur le Comte de la Talle beorderte D. Lawson nach Château Gaillard.
Nun, ich war Dallas Lawson. Ich würde eben erklären, daß Daniel Lawson seit zehn Monaten tot war und ich, seine Tochter, die ihm seit vielen Jahren bei seiner Arb