: Christine Grän
: Villa Freud
: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
: 9783955302009
: 1
: CHF 2.70
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 288
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Margaret wächst in kleinbürgerlichen Verhältnissen auf und versucht schon früh, ihrer engen Umgebung zu entfliehen. Sie nimmt Gesangsstunden und zieht nach Berlin, wo sie in einem Jazzclub singt und Oscar begegnet. Sie folgt ihm nach Argentinien in eine großbürgerliche Existenz. Doch auch in Buenos Aires findet die junge Frau keine Erfüllung, und so zieht sie weiter ? bis sie erkennt, dass sie nicht vor ihrem Leben davonlaufen kann.

Christine Grän, geb. 18. April 1952 in Graz, arbeitete nach ihrem Germanistik- und Anglistikstudium in ihrer Heimatstadt als Gesellschafts-Redakteurin beim Bonner Generalanzeiger. Insgesamt fünf Jahre lebte sie in Botswana / Afrika, wo sie eine Lodge leitete. Dort enstand auch erste Anna-Marx-Krimi »Weiße sterben selten in Samyana«, der nach ihrer Rückkehr 1986 veröffentlicht wurde. Seither arbeitet sie als freie Journalistin und Autorin, u. a. für die »Welthungerhilfe«. Christine Grän ist verheiratet, hat eine Tochter und lebt heute in München.

I
Margareta


1


Der rote Ball rollt träge über den Asphalt. Er endet seinen kurzen Weg auf der durchbrochenen weißen Linie. Nicht die Bewegung, der Stillstand führt zur Katastrophe, doch wer sollte dies wahrnehmen an einem heißen, müden Nachmittag in einer Straße verkehrsberuhigter Anwohner?

Die Straße liegt in einer gewöhnlichen Stadt, deren Bürger besteuert, verkabelt und zur Begrünung ihrer Fensterfronten aufgerufen werden. Begonienorgien und Taubenscheiße beleben die Fassaden, hinter denen Menschen versuchen, an der Monotonie aller Tage den Geschmack des Lebens zu finden.

Die Frau am offenen Fenster begießt mit altersschwacher Hand blaue Blumen, die in soldatischer Reihe in Plastiktröge gepflanzt sind. Ordnung ist das halbe Leben, auch wenn die Frau längst tot ist. Ihr leerer Blick ist auf das Mädchen gerichtet, das seinen Ball vergessen hat und den Gehweg mit bunter Kreide bemalt. Kleine Menschen sind Störenfriede, die zur Sachbeschädigung neigen. Sie mag Kinder nicht, weder die eigene Brut noch die fremden. Geburten, Hochzeiten, Todesfälle sind an ihr vorübergegangen wie die Jahreszeiten, und sie ist dabei nur alt und boshaft geworden. Sie wünscht sich, dass ein Auto dem Spuk ein Ende bereiten möge. Der rote Ball stört sie. Er gehört nicht auf ihre Straße.

Eine Familie mit vier rothaarigen Kindern, ohne Begonienbepflanzung, ist im Viertel ein Fremdkörper. Dieses Mädchen füttert die Tauben in kindlicher Tierliebe. Sie ist nicht die Einzige, und so wird Krieg geführt in dieser Straße, ein Taubenkrieg, in dem sich Tier- und Fassadenschützer in unerbittlicher Härte gegenüberstehen.

Ein Autofahrer ist dem Ball ausgewichen, er hupte und fuhr weiter. Das Kind sah nicht auf. Es malt weiter farbige Kreise auf grauen Stein, die der Regen wegwaschen wird, Gott sei Dank. Sie wendet sich ab und schlurft in die Speisekammer, wo sie ihre toxischen Vernichtungswaffen in Marmeladengläsern aufbewahrt, ein Schrein der Vergeltung für alle, die Ruhe und Ordnung stören.

Geleitet von der Schwerkraft bewegt sich der Ball in Richtung Straßenrand, nachdem der Wagen ihn passiert hat. Ein Radfahrer umfährt ihn und ruft dem Mädchen zu, es möge sein Spielzeug in Sicherheit bringen. Es sieht auf, lächelt und winkt mit Kreidehänden. Der Student versucht, sich an seinen Namen zu erinnern, als er weiterfährt. Er endet mit a, so viel steht fest. Alle Töchter dieser Familie tragen Namen, die mit diesem Buchstaben ausklingen.

Laura, die Zweitälteste, teilte mit ihm einst eine Parkbank in der Dämmerung. Als es dunkel wurde, hat er sie hingelegt, entkleidet und geliebt für ein paar Minuten. Es war eine kalte Nacht, daran erinnert er sich, und dass er sich beeilte, weil seine Hände Gänsehaut berührten. Sie sprach wenig und schien seltsam unberührt von seinen Bemühungen, eine gemeinsame Basis der Lust herzustellen. »Man sieht sich«, sagte er zum Abschied, und diese Floskel, sie wussten es beide, war das Ende.

Laura arbeitet in der Bäckerei am Ende der S