: Christine Grän
: Die Hochstaplerin
: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
: 9783955301989
: 1
: CHF 2.70
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 320
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Felicitas liebt den Luxus, doch sie hat Schulden und wenig Talent zu ehrenwerten Berufen. Als Hochstaplerin macht sie Karriere. Was sie nicht ahnt: Austern essen kann gefährlich werden ...Klara, Felicitas' Ziehmutter, liebt Marx und Brecht und wird zur Komplizin im eigenwilligen Kampf gegen das Kapital. Die beiden Frauen nutzen die Spielregeln der Gesellschaft zu ihrem Vorteil. Regel eins: Armut schändet. Regel zwei: Geld stinkt nie. Regel drei: Die Eitelkeit der Männer ist grenzenlos gewinnbringend. In einer auf Lust- und Gewinnmaximierung orientierten Welt ist die Hochstaplerin ein Wesen von großer Anpassungsfähigkeit, das seine Siege genießt und aus den Niederlagen lernt. So wird aus der schonungslosen Entkleidung der Männergesellschaft auch ein Striptease der Frauen - böse, komisch und bisweilen sehr unmoralisch.

Christine Grän, geb. 18. April 1952 in Graz, arbeitete nach ihrem Germanistik- und Anglistikstudium in ihrer Heimatstadt als Gesellschafts-Redakteurin beim Bonner Generalanzeiger. Insgesamt fünf Jahre lebte sie in Botswana / Afrika, wo sie eine Lodge leitete. Dort enstand auch erste Anna-Marx-Krimi »Weiße sterben selten in Samyana«, der nach ihrer Rückkehr 1986 veröffentlicht wurde. Seither arbeitet sie als freie Journalistin und Autorin, u. a. für die »Welthungerhilfe«. Christine Grän ist verheiratet, hat eine Tochter und lebt heute in München.

1. Kapitel


Die Gier war das Fundament, über das sich die Konversation hochstaplerisch wölbte. Seine Gier: mich erlegen, hinlegen, weglegen. Der Typ des Jägers und Sammlers schwang seine Keule mit anmutigen Worten. In seiner Höhle floß Jahrgangschampagner, serviert von höflichen Pinguinen, die als Kellner verkleidet waren. Sie sahen melancholisch aus, vielleicht, weil sie mutlose Revolutionäre waren, die das feine Gesindel verachteten. Ich stellte mir vor, daß die linke Hand, die sie angewinkelt am Rücken versteckten, zur Faust geballt war. Das Gesindel lachte verhalten und tupfte sich nach jedem Bissen den Mund mit weißen Stoffservietten ab, an denen Speichel, Speisereste und Lippenstift hängenblieben. Meine Spur war kirschrot.

Sein Gesicht war rund und fahl wie Baals Mond, und aus seinem Mund flossen Sätze, die so neu nicht waren. Männer sind verhinderte Rennfahrer, Großwildjäger, Kamikazeflieger, Samuraikrieger, christliche Märtyrer. Alles, was es über das Leben zu sagen gab, reduzierte einer wie er auf Gewinn- und Lustmaximierung. Seinesgleichen saß in Chefsesseln, Vorständen, Wirtschaftsvereinigungen, Parteigremien. Las Bilanzen und Berichte, das Manager-Magazin und die Bild-Zeitung. Wußte, was in Schanghai die Nutten kosten. Der Charme war von Arroganz getränkt und dem Wissen um die ökonomische Fragwürdigkeit von Moral. Gute Habenichtse mochten einen wie ihn als Bösewicht verteufeln, doch Sein und Haben waren die Größen, die in seiner Welt zählten. War er nicht Stütze der Gesellschaft? Rückgrat der Wirtschaft? Elite? Er trank Bier nicht aus Dosen, verabscheute Polyestertrainingsanzüge und das Grölen in Fußballstadien. Er zählte zu den Menschen mit Designergeschmack, feinen Eßmanieren und kulturellen Ambitionen. Er war Spitze des Eisberges und somit der Sonne am nächsten, naturgemäß.

So sprach Johannes Brenner, und ich hörte ihm aufmerksam zu, wie es sich für eine Nehmerin ziemte, schließlich finanzierte er den Champagner und die Austern sowie prozentual das Personal des Tempels, in dem wir saßen, den Klavierspieler, die Tischdekoration, Stromkosten und Lebensmittelrechnung. Johannes Brenner gehörte zur geduzten Stammkundschaft, zu jenen, die niemals schmatzten oder schlürften, nie hungrig waren und deshalb immer souverän, übersättigt bisweilen und aus diesem Grunde ein wenig gelangweilt, was eine Art von samtvioletter Stimmung schuf oder den Glashauseffekt mit Eisblumenbelag. Das Gewicht des Geldes wog schwer, auch wenn es in Plastikkarten gepreßt war, in diamantenbesetzten Uhren verewigt, in maßgefertigten Schuhen abgefedert.

«Geld macht nicht glücklich», sagte Johannes Brenner, und ich erwiderte, daßsein Geld mich in der Tat nicht glücklich mache. Eine läßliche Lüge, die er hinnahm, weil er zu den Männern gehörte, die mit Frauen Monologe führten. Er fand mich erfrischend, so sagte er, und ich gab das Kompliment in maskuliner Färbung zurück, indem ich ihn einen sehr interessanten Mann nannte.

Johannes lächelte. Die Lippen waren wulstig, aber das Gebiß perfekt. Zuviel Gesicht für die kleinen schlauen Augen. Ich dachte darüber nach, ob die grauen Strähnen in den braunen Haaren Friseurkunstwerk waren. Die Bartstoppeln schimmerten bläulich, Millimetersprossen der dezenten D