Als ich zu meiner Tante Sophie gezogen war, machte ich schon bald die Bekanntschaft der sonderbaren Schwestern Lucy und Flora Lane. Aufgrund meiner Entdeckung nannte ich ihr Häuschen fortan das Haus der sieben Elstern.
Oft denke ich verwundert, daß ich das Haus nie kennengelernt hätte, wenn derÄrgerüber den Kirchenschmuck für jenes weit zurückliegende Osterfest nicht gewesen wäre. Aber das mag vielleicht nicht ganz zutreffen: Es lag wohl nicht allein an den Blumen– durch sie ist es nur zum Ausbruch gekommen.
Tante Sophie war bei uns zu Hause ein seltener Gast gewesen; der Zwiespalt zwischen ihr und meiner Mutter wurde allerdings nie erwähnt. Sie wohnte in Wiltshire, eine lange Eisenbahnreise von London entfernt; von der Hauptstadt mußte sie nach Middlemore in Surrey fahren. Ich stellte mir vor, daß Tante Sophie es nicht der Mühe wert fand, uns zu besuchen, und meiner Mutter war die Fahrt nach Wiltshire zu anstrengend, zumal am Ende lediglich eine keineswegs erbauliche Begegnung mit Tante Sophie zu erwarten war.
Tante Sophie war in jenen frühen Tagen fast eine Fremde für mich.
Meine Mutter und Tante Sophie waren Schwestern, aber zwei unähnlichere Menschen konnte man sich kaum vorstellen. Mutter war groß und schlank, und schön war sie obendrein; ihre Gesichtszüge waren wie aus Marmor gemeißelt. Ihre hellblauen Augen konnten manchmal sehr eisig sein; sie hatte lange Wimpern, vollendet geformte Brauen, und das feine Haar trug sie stets adrett um den Kopf geschlungen. Ständig ließ sie jedermann wissen– selbst jene im Haus, denen es durchaus bewußt war–, sie sei für das Leben, das sie jetzt führte, nicht erzogen, sondern es sei ihr durch gewisse»Umstände« aufgezwungen worden.
Tante Sophie war dieältere Schwester meiner Mutter. Ich glaube, der Altersunterschied betrug zwei Jahre. Sie war mittelgroß, dabei korpulent, was sie kleiner wirken ließ; sie hatte ein rundliches, rosiges Gesicht und kleine, durchdringende Augen, die an Korinthen denken ließen. Sie wurden fast unsichtbar, wenn sie ihr lautes Lachen lachte, das meiner Mutter auf die Nerven ging, wie diese stets betonte. Es war kaum verwunderlich, daß sie einander mieden. Die wenigen Male, wenn meine Mutter von Sophie sprach, fügte sie unweigerlich hinzu, es sei erstaunlich, daß sie zusammen aufgewachsen waren. Wir lebten gewissermaßen in»vornehmer Bescheidenheit«, meine Mutter, ich und zwei Hausangestellte: Meg, ein Relikt aus»besseren Tagen«, und Amy, ein junges Mädchen, das hier in Middlemore beheimatet und in einem Cottage auf der anderen Seite des Angers aufgewachsen war.
Meine Mutter legte großen Wert darauf, den Schein zu wahren. Sie war in Cedar Hall aufgewachsen, und ich bedauerte, daß dieses Gutshaus so nahe gelegen und somit ständig im Blickfeld war.
Da stand es in seiner ganzen Pracht, die um so grandioser wirkte, wenn man es mit Lavender House, unserem bescheidenen Heim, verglich. Cedar Hall wardas Haus in Middlemore. Kirchliche Wohltätigkeitsveranstaltungen fanden auf seinem Rasen statt, und im Bedarfsfall stand immer ein Raum für kirchliche Versammlungen zur Verfügung; die Weihnachtssänger versammelten sich jedes Jahr am Heiligen Abend im Hof und wurden nach ihrer Darbietung mit Glühwein und Hackfleischpasteten bewirtet. Personal war reichlich vorhanden; kurzum, das Gutshaus beherrschte das Dorf. Meine Mutter hatte zwei tragische Erlebnisse zu verkraften. Sie hatte nicht nur ihr früheres Heim verloren, das verkauft werden mußte, als ihr Vater starb und das Ausmaß seiner Schulden offenbar wurde; es war zudem von den Carters erworben worden, die mit dem Verkauf von Süß- und Tabakwaren in allen Städten Englands ein Vermögen verdient hatten. Sie waren ihr in zweifacher Hinsicht suspekt: Sie waren vulgär, und sie waren reich.
Jedesmal, wenn meine Mutter nach Cedar Hall hinübersah, verhärteten sich ihre Gesichtszüge; sie preßte die Lippen zusammen, und ihr tiefwurzelnder Zorn trat offen zutage. Dieser Anblick bot sich ihr ausgerechnet, wenn sie aus ihrem Schlafzimmerfenster sah. Wir waren alle an ihre tägliche Klagelitanei gewöhnt, die unser Leben ebenso beherrschte wie ihr eigenes.
Meg pflegte zu sagen:»Es war’ besser gewesen, wenn wir gleich weggezogen wären. Den ganzen Tag das frühere Heim im Blick, das tut nicht gut.«
Eines Tages sagte ich zu meiner Mutter:»Warum ziehen wir nicht fort? Irgendwohin, wo du es nicht die ganze Zeit sehen mußt?«
Ich sah ihr entsetztes Gesicht, und so jung ich auch war, erkannte ich doch: Sie will hierbleiben. Sie könnte es nicht ertragen, woanders zu sein. Damals verstand ich es noch nicht– ich begriff es erst später–, daß sie sich an ihrem Jammer und Groll weidete. Sie wollte so weiterleben, wie sie einst in Cedar Hall gelebt hatte. Sie befaßte