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Larry Angeluzzi gab seinem Rappen die Sporen und trieb ihn durch den Canyon zwischen den hochragenden Wänden der Mietskasernen. Am Fuß der Steilwände unterbrachen die Kinder auf den Gehsteigen ihr Spiel, um ihn mit stummer Bewunderung anzustarren. In weitem Bogen schwenkte er seine rote Laterne; die eisenbeschlagenen Hufe seines Rappen schlugen Funken, wenn sie auf die in das Pflaster der Tenth Avenue eingelassenen Bahngleise trafen, und hinter Roß, Reiter und Laterne zuckelte der lange Güterzug, der von der Endstation St. John’s Park gemächlich nach Norden rollte.
Im Jahre 1928 wickelte die New York Central Railroad ihren Nord-Süd-Verkehr noch auf den Straßen der Stadt ab und schickte jedem Zug als Warnung für den Verkehr einen Reiter voraus. Nur wenige Jahre noch, dann sollte es damit zu Ende sein, sollte ein richtiger Bahndamm gebaut werden. Doch Larry Angeluzzi, nicht ahnend, daß er der letzte»Dummy Boy« war, daß er schon bald winziges Teilchen der Stadtgeschichte sein würde, hielt sich kerzengerade und arrogant wie ein echter Westler. Dicke weiße Segeltuchschuhe waren seine Sporen, eine mit Gewerkschaftsabzeichen gespickte Schirmmütze sein Sombrero. Die Beine seiner blauen Drillichhosen wurden von chromglänzenden Klammern zusammengehalten wie bei einem Radfahrer. In leichtem Galopp ritt er durch den heißen Sommerabend, durch seine Wüste, die Stadt aus Stein. Frauen saßen schwatzend auf Holzkisten, Männer standen an den Straßenecken und rauchten De-Nobili-Zigarren, Kinder wagten sich von ihren schieferblauen Inseln und tummelten sich beim lebensgefährlichen Spiel, auf den fahrenden Frachtzug aufzuspringen.Über allem lag der rauchig-gelbe Schein der Straßenlaternen und das grellweiße Licht nackter Glühbirnen in den Schaufenstern der Süßwarenläden. An jeder Kreuzung blies von der Twelfth Avenue, vom Betonufer des Hudsonflusses herauf, eine leichte Brise, erfrischte Roß und Reiter und traf auf das heiße, schwarze Metall der Maschine, die hinter ihnen unermüdlich warnende Pfiffe von sich gab.
An der 27th Street wich die Wand rechts von Larry Angeluzzi für einen ganzen Häuserblock zurück. Auf dem freien Platz lag der Chelsea Park– jetzt, am Abend, voll dunkler, kauernder Silhouetten: Kinder, die auf dem Boden saßen und sich die vom Hudson Guild Settlement House kostenlos gezeigten Freilichtfilme ansahen. Auf der fernen weißen Riesenleinwand sah Larry Angeluzzi ein ungeheures Pferd mit Reiter in künstlichem Sonnenlicht auf sich zujagen und fühlte, wie sein eigenes Pferd angstvoll stieg, als es beim Werfen des Kopfes dieseüberdimensionalen Spukgestalten entdeckte. Gleich darauf hatten sie die Kreuzung der 28th Street passiert, und die Mauer wuchs neben ihnen wieder empor.
Larry war jetzt fast zu Hause. Vorn, an der 30th Street, spannte sich die Fußgängerbrückeüber die Tenth Avenue. Wenn er diese Brücke hinter sich hatte, war er am Ziel, war seine Arbeit getan. Er rückte die Mütze verwegener und straffte den Rücken. Die Leute, die zwischen der 30th und 31st Street auf dem Gehsteig saßen, waren alle Verwandte und Freunde seiner Familie. Larry spornte sein Pferd zum Galopp.
Er jagte unter der Brücke durch und winkte den Kindern zu, dieüber ihm am Geländer hingen. Für die Leute auf dem rechten Gehsteig ließ er sein Pferd steigen, dann lenkte er es nach links hinüber auf den offenen Rangierbahnhof, der sich, ein weites Feld voll funkenstiebenden Stahls, bis an den Hudson hinunterzog.
Hinter ihm stieß die riesige schwarze Lokomotive keuchend weiße Rauchwolken von sich, in denen Brücke und Kinder verschwanden, sodaß nur noch dünne Entzückensschreie zu hören waren, die zu den bleichen, fast nicht auszunehmenden Sternen aufstiegen. Der Güterzug bog auf das Bahngelände ein, die Brücke tauchte wieder auf, und Schwärme von vom Wasserdampf durchnäßten Kindern saustenüber die Stiegen hinunter und liefen davon.
Larry band sein Pferd an einen Pfosten neben dem Häuschen des Weichenstellers und setzte sich auf die Bank an der Wand. Auf der anderen Seite der Avenue wurde das wie auf eine Leinwand gepinselte Bild der vertrauten Welt, die er liebte, Zoll um Zoll lebendig.
An der Ecke der 30th Street lag die hellerleuchtete Bäckerei, deren Eisstand von Kindern umlagert war. Der panettiere persönlich füllte die weißen, gerippten Pappbecher mit kirschroten, blaßgelben und glitzerndweißen Eiskristallen. Er teilte recht großzügige Portionen aus, denn er war reich und ging sogar zum Pferderennen, um dort sein Geld zu verschleudern. Nach der Bäckerei, zur 31st Street hin, kam das Lebensmittelgeschäft mit den gelben, von glänzendem Wachsüberzogenen provolone-Stangen und den hängenden Dreiecken der prosciutto