Erster Teil
Köln anno domini 1527, vor Pfingsten
Keiner ist dem Glauben ferner
und der Versuchung näherñ
als jener, der sich für sehr fromm hält.
Erasmus von Rotterdam
1
Glutrot beendete eine heiße Junisonne ihren Tageslauf. Triumphierend überglänzte ihr verlöschendes Licht die Bleidächer der Kathedralen, Kirchen und Klöster, von denen es in Köln mehr gab, als das Jahr Tage hat. Selbst die Gassen der Gerber und Kadaversammler hatte sie getrocknet und den Gestank von Fäulnis mit dem Duft von Rosen gemischt. Golden verweilten letzte Strahlen auf der Westfassade des Doms, während die Rheinfront der Reichsstadt bereits im Dunkeln lag. Ein knochenweißer Mond kündigte über dem Hafen die Nacht an.
Angeekelt raffte Sidonia van Berck ihren Rock, übersprang ein Häufchen Fischabfälle und wollte durch eine Mauerpforte in das Gewimmel am Hafen eintauchen. Am Ende des Durchgangs verstellte ihr ein Torwächter den Weg.
»Heda, Dirne, umsonst kommst du mir um diese Stunde nicht auf den Kai! Lass ein paar Münzen springen, dann kannst du dir einen Freier suchen, den sein Hosenteufel juckt.«
»Ich bin keine Hure. Was fällt dir ein, so mit mir zu reden!« Sidonia van Berck trat nach dem Handwerksburschen. Pah, in den Waffenschmieden ihres Vaters würde man diesen übel riechenden Gerbergesellen mit der Feuerzange verprügeln. Sie war eine reiche Bürgerstochter und keine Pfennigshure! Danach sah sie auch in ihrer Verkleidung als Magd sicher nicht aus.
»Was auch immer du bist«, blaffte der Wächter, »wenn du in der Dämmerung am Hafen rumstrolchen willst, gib mir drei Fettmännchen. Der Nachtdienst macht durstig.«
Johlend bekundete eine zerlumpte Vettel, die neben der Pforte auf einem Fässchen hockte, ihre Zustimmung. »Für drei Fettmännchen trinkste dich bei mir bis zur Seligkeit, guter Mann. Ich hab Bilsenkraut und ‘ne Prise Tollkirsche in mein Bier gemischt. Nun zahl schon, du Dirne, wirst das Geld mit deinen Lustäpfelchen rasch wieder eintreiben.«
Sidonia stemmte die Arme in die Hüften. Drei Kupfermünzen waren ein lächerlicher Betrag für sie, aber hier ging es um ihre Ehre. Besser gesagt um die Ehre einer Magd. Aber nun, selbst im Kostüm einer Magd fand Sidonia sich mehr wert als drei Fettmännchen, die kleinste Kölner Münzeinheit. Bah, was für Gelichter hier herumlungerte, um Geschäfte zu treiben!
Der Rat hatte in der Woche vor dem fünftägigen Pfingstfest die Torschlusszeiten am Hafen verlängert. Spät eintreffende Fernhändler, Pilger, Gaukler und Krämer sollten Gelegenheit haben, in der Stadt Quartier zu suchen. In Dreierreihen lagen Plattbodenschiffe, Lastkähne, Niederländer- und Oberländersegler bis in die Strömung des Flusses, bewimpelt mit F