: Morris L. West
: Die Gaukler Gottes
: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
: 9783955302474
: 1
: CHF 3.60
:
: Erzählende Literatur
: German
: 464
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Die Jahrtausendwende steht bevor - und damit womöglich auch der Weltuntergang? Zweifelnd und angstvoll blicken die Menschen in die nahe Zukunft. Da erreicht die Weltöffentlichkeit aus Rom die schockierende Nachricht, daß der Papst zurückgetreten ist! Gregor XVII. hat das nahe Weltende vorausgesagt, hat die Menschen eindringlich noch ein letztes Mal zur Umkehr bewegen wollen. Für das Kardinalskollegium in Rom stellt sich jedoch die Frage: Was will dieser Papst? Beabsichtigt er den Griff nach der absoluten Macht? Oder geht es ihm um eine mystische Selbstbesinnung der Menschen? Das Kollegium setzt den Papst unter Druck und zwingt ihn zum Rücktritt. Doch was verbirgt sich hinter diesem Akt, hinter all den Visionen des Papstes? Und wer könnte ein Interesse daran haben, daß dieser Papst abdankt? Ein guter Freund Papst Gregors, ein Theologieprofessor in Deutschland, versucht alles, um hinter die Geheimnisse dieser Affäre zu blicken ...

Morris Langlo West wurde 1916 in St. Kilda, Australien geboren. Mit 14 Jahren trat er in den Orden der Christian Brothers ein, der Katholizismus beeinflusste West nachhaltig. 1937 schloss er sein Studium an der University of Melbourne ab und unterrichtete anschließend moderne Sprachen und Mathematik an den Klosterschulen des Ordens in New South Wales. 1942 verließ er den Orden und kämpfte etwa zu dieser Zeit auch im Zweiten Weltkrieg, bis er 1943 Sekretät des früheren australischen Premierministers, Billy Hughes, wurde. Während seiner Zeit bei der Armee schrieb er ein Buch über sein Leben im Kloster, das er 1945 unter dem Pseudonym Julian Morris veröffentlichte. Etwa zur Zeit des Kriegsendes arbeitete er für den australischen Rundfunk, nachdem er jedoch wegen eines Zusammenbruchs ein Jahr im Krankenhaus gelegen hatte, verkaufte er sein Unternehmen und arbeitete fortan ausschließlich als Schriftsteller. Sein erster Gedichtband erschien 1955, gefolgt von den erfolgreichen Romanen 'Gallows on the Sand' im selben Jahr und 'Kundu' ein Jahr später. Mit dem Geld, das er mit den Romanen verdiente, reiste er ins Ausland und lebte einige Zeit in Österreich, Italien, England und den USA. Viele seiner Bücher sind von seiner Zeit in Italien inspiriert. Erst 1980 kehrte er nach Australien zurück. Wests Bekanntheit wurde durch einige Verfilmungen seiner Bücher noch gesteigert. Viele seiner Werke behandeln ethisch-religiöse Konflikte oder haben politische Brisanz. Am 9. Oktober 1999 starb Morris West in Sydney.

1


Sie sah wie eine Frau vom Lande aus – rundlich und rotwangig –, sie trug ein Kleid aus grobem Wollstoff, und ihre schütteren, grauen Haare lugten unter einem Strohhut hervor. Sie saß kerzengerade auf dem Stuhl und hielt die Hände über einer großen, altmodischen Handtasche aus braunem Leder gefaltet. Sie war argwöhnisch, aber nicht verängstigt, als prüfte sie das Warenangebot auf einem ihr unbekannten Markt.

Karl Mendelius, Professor für Kirchengeschichte am Wilhelmsstift, dem einstigen Collegium illustre der Universität Tübingen, streckte die Beine unter dem Schreibtisch aus, legte die Fingerspitzen aneinander und lächelte die Besucherin an. Er meinte in freundlichem Tonfall:

»Sie wollten mit mir sprechen, Madame?«

»Man hat mir gesagt, daß Sie Französisch verstehen.« Sie sprach im breiten Tonfall des Midi.

»Ja.«

»Ich heiße Thérèse Mathieu. Im Orden bin ich – war ich Schwester Mechtilda.«

»Wollen Sie damit sagen, daß Sie aus dem Konvent ausgetreten sind?«

»Ich wurde von meinem Gelübde entbunden. Aber er sagte, ich solle den Ring, den ich am Tage meines Gelöbnisses erhielt, weiter tragen, denn ich stehe noch immer im Dienste des Herrn.«

Sie hielt ihm eine große, abgearbeitete Hand entgegen und zeigte ihm den schlichten Silberring, den sie am Finger trug.

»Er? Wer ister

»Seine Heiligkeit Papst Gregor. Ich gehörte zu den Schwestern, die in seinem Haushalt tätig waren. Ich habe sein Arbeitszimmer und seine Privatgemächer gereinigt. Ich habe ihm den Kaffee gebracht. Manchmal habe ich an Festtagen, wenn sich die anderen Schwestern ausruhten, eine richtige Mahlzeit für ihn zubereitet. Er sagte, er esse gern, was ich koche. Es erinnere ihn an sein Zuhause… Dann unterhielt er sich mit mir. Er kenne meinen Geburtsort sehr gut. Seine Familie habe dort Weinberge besessen… Als meine Nichte ihren Mann verlor, mit fünf kleinen Kindern zurückblieb und das Restaurant weiter betreiben mußte, erzählte ich ihm davon. Er war sehr mitfühlend. Er meinte, vielleicht brauche mich meine Nichte mehr als der Papst, der sowieso zu viele Bedienstete habe. Er half mir, in aller Freiheit zu begreifen, daß die Barmherzigkeit die wichtigste aller Tugenden sei… Den Entschluß, in die Welt zurückzukehren, faßte ich zu jener Zeit, als die Menschen im Vatikan begannen, alle diese schrecklichen Dinge zu sagen – daß der Heilige Vater geistig krank sei, daß er gefährlich werden könne – und all das. Als ich Rom verließ, ging ich zu ihm, um seinen Segen zu erbitten. Er bat mich um eine besondere Gefälligkeit, nämlich nach Tübingen zu gehen und seinen Brief in Ihre Hände zu übergeben. Er ermahnte mich, niemandem weiterzuerzählen, was er gesagt habe oder was ich zu überbringen hätte. Ja, und jetzt bin ich hier…«

Sie kramte in der Handtasche, brachte einen dicken Umschlag zum Vorschein und legte ihn auf den Schreibtisch. Karl Mendelius nahm ihn in die Hand und sah ihn prüfend an. Dann legte er ihn beiseite. Er fragte:

»Sind Sie von Rom direkt hierhergekommen?«

»Nein. Ich fuhr erst zu meiner Nichte und blieb eine Woche bei ihr. Seine Heiligkeit meinte, das sollte ich tun. Es sei natürlich und richtig. Er gab mir Geld für die Reise und ein Geschenk, das meiner Nichte helfen sollte.«

»Hat er Ihnen für mich noch eine weitere Nachricht mitgegeben?«

»Nur, daß er Sie herzlich grüßen läßt. Er hat mir gesagt, ich solle alle Ihre Fragen beantworten.«

»Er hat in Ihnen eine getreue Botin gefunden.« Karl Mendelius fügte ernst und in freundlichem Ton hinzu: »Möchten Sie eine Tasse Kaffee trinken?«

»Nein, vielen Dank.«

Sie faltete die Hände über ihrer Tasche und wartete: das vollkommene Bild einer Nonne trotz ihrer bäuerlichen Aufmachung. Mendelius stellte die nächste Frage mit Bedacht, aber sie klang wie beiläufig.

»Diese Probleme, dieses Gerede im Vatikan – wann fing das an? Was war die Ursache?«

»Ich weiß, wann alles anfing.« Sie gab ihre Antwort ohne Zögern. »Als er von seinem Besuch in Südamerika und den Vereinigten Staaten zurückkam, wirkte er müde und krank. Dann kamen die Besuche der Chinesen und der Russen und der Leute aus Afrika, was ihm große Sorgen zu machen schien. Als die Besucher abgereist waren, beschloß er, sich für zwei Wochen nach