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Sie sah wie eine Frau vom Lande aus – rundlich und rotwangig –, sie trug ein Kleid aus grobem Wollstoff, und ihre schütteren, grauen Haare lugten unter einem Strohhut hervor. Sie saß kerzengerade auf dem Stuhl und hielt die Hände über einer großen, altmodischen Handtasche aus braunem Leder gefaltet. Sie war argwöhnisch, aber nicht verängstigt, als prüfte sie das Warenangebot auf einem ihr unbekannten Markt.
Karl Mendelius, Professor für Kirchengeschichte am Wilhelmsstift, dem einstigen Collegium illustre der Universität Tübingen, streckte die Beine unter dem Schreibtisch aus, legte die Fingerspitzen aneinander und lächelte die Besucherin an. Er meinte in freundlichem Tonfall:
»Sie wollten mit mir sprechen, Madame?«
»Man hat mir gesagt, daß Sie Französisch verstehen.« Sie sprach im breiten Tonfall des Midi.
»Ja.«
»Ich heiße Thérèse Mathieu. Im Orden bin ich – war ich Schwester Mechtilda.«
»Wollen Sie damit sagen, daß Sie aus dem Konvent ausgetreten sind?«
»Ich wurde von meinem Gelübde entbunden. Aber er sagte, ich solle den Ring, den ich am Tage meines Gelöbnisses erhielt, weiter tragen, denn ich stehe noch immer im Dienste des Herrn.«
Sie hielt ihm eine große, abgearbeitete Hand entgegen und zeigte ihm den schlichten Silberring, den sie am Finger trug.
»Er? Wer ister?«
»Seine Heiligkeit Papst Gregor. Ich gehörte zu den Schwestern, die in seinem Haushalt tätig waren. Ich habe sein Arbeitszimmer und seine Privatgemächer gereinigt. Ich habe ihm den Kaffee gebracht. Manchmal habe ich an Festtagen, wenn sich die anderen Schwestern ausruhten, eine richtige Mahlzeit für ihn zubereitet. Er sagte, er esse gern, was ich koche. Es erinnere ihn an sein Zuhause… Dann unterhielt er sich mit mir. Er kenne meinen Geburtsort sehr gut. Seine Familie habe dort Weinberge besessen… Als meine Nichte ihren Mann verlor, mit fünf kleinen Kindern zurückblieb und das Restaurant weiter betreiben mußte, erzählte ich ihm davon. Er war sehr mitfühlend. Er meinte, vielleicht brauche mich meine Nichte mehr als der Papst, der sowieso zu viele Bedienstete habe. Er half mir, in aller Freiheit zu begreifen, daß die Barmherzigkeit die wichtigste aller Tugenden sei… Den Entschluß, in die Welt zurückzukehren, faßte ich zu jener Zeit, als die Menschen im Vatikan begannen, alle diese schrecklichen Dinge zu sagen – daß der Heilige Vater geistig krank sei, daß er gefährlich werden könne – und all das. Als ich Rom verließ, ging ich zu ihm, um seinen Segen zu erbitten. Er bat mich um eine besondere Gefälligkeit, nämlich nach Tübingen zu gehen und seinen Brief in Ihre Hände zu übergeben. Er ermahnte mich, niemandem weiterzuerzählen, was er gesagt habe oder was ich zu überbringen hätte. Ja, und jetzt bin ich hier…«
Sie kramte in der Handtasche, brachte einen dicken Umschlag zum Vorschein und legte ihn auf den Schreibtisch. Karl Mendelius nahm ihn in die Hand und sah ihn prüfend an. Dann legte er ihn beiseite. Er fragte:
»Sind Sie von Rom direkt hierhergekommen?«
»Nein. Ich fuhr erst zu meiner Nichte und blieb eine Woche bei ihr. Seine Heiligkeit meinte, das sollte ich tun. Es sei natürlich und richtig. Er gab mir Geld für die Reise und ein Geschenk, das meiner Nichte helfen sollte.«
»Hat er Ihnen für mich noch eine weitere Nachricht mitgegeben?«
»Nur, daß er Sie herzlich grüßen läßt. Er hat mir gesagt, ich solle alle Ihre Fragen beantworten.«
»Er hat in Ihnen eine getreue Botin gefunden.« Karl Mendelius fügte ernst und in freundlichem Ton hinzu: »Möchten Sie eine Tasse Kaffee trinken?«
»Nein, vielen Dank.«
Sie faltete die Hände über ihrer Tasche und wartete: das vollkommene Bild einer Nonne trotz ihrer bäuerlichen Aufmachung. Mendelius stellte die nächste Frage mit Bedacht, aber sie klang wie beiläufig.
»Diese Probleme, dieses Gerede im Vatikan – wann fing das an? Was war die Ursache?«
»Ich weiß, wann alles anfing.« Sie gab ihre Antwort ohne Zögern. »Als er von seinem Besuch in Südamerika und den Vereinigten Staaten zurückkam, wirkte er müde und krank. Dann kamen die Besuche der Chinesen und der Russen und der Leute aus Afrika, was ihm große Sorgen zu machen schien. Als die Besucher abgereist waren, beschloß er, sich für zwei Wochen nach