Greystone Manor
Mit sechzehn Jahren erfuhr ich, daß meine Schwester Francine ermordet worden war. Ich hatte sie beinahe fünf Jahre nicht gesehen, aber ich hatte jeden Tag an sie gedacht, mich nach ihrer Heiterkeit gesehnt und ihr Verschwinden aus meinem Leben betrauert.
Bis sie fortging, hatten Francine und ich uns so nahegestanden, wie es bei zwei Menschen nur möglich ist. Ich, um fünf Jahre jünger als sie, suchte bei ihr Schutz, und den hatte ich, als Greystone Manor nach dem Tod unserer Eltern unser Zuhause wurde, bitter nötig.
Das war vor sechs Jahren gewesen, und beim Rückblick auf die erste Zeit meines Lebens schien es mir, als hätten wir damals im Paradies gelebt. Abstand verklärt den Blick, pflegte Francine zu sagen, um mich zu trösten, und deutete damit an, daß die Insel Calypso nicht gänzlich vollkommen gewesen sei, folglich sei Greystone Manor vielleicht auch nicht so finster, wie es auf uns wirkte, die wir seit kurzem zu seinen Bewohnern zählten. Obgleich Francine von so zartemÄußeren war wie etwas aus Meißener Porzellan, habe ich nie jemanden gekannt, der im Leben praktischer veranlagt war. Sie war realistisch, einfallsreich, nicht unterzukriegen und immer optimistisch; sie schien wahrhaftig unfähig, etwas falsch zu machen.
Ich hatte immer geglaubt, daß Francine alles, was sie zu tun beabsichtigte, auch erfolgreich ausführte. Deswegen war ich so erschüttert, so fassungslos, als ich auf dem Speicher in Tante Graces Truhe jenen Zeitungsausschnitt fand. Kniend hielt ich das Stück Papier in der Hand, und die Worte tanzten mir vor den Augen.
Baron von Gruton Fuchs letzten Mittwoch ermordet im Bett seiner Jagdhütte im Bezirk Bruxenstein aufgefunden. Bei ihm war seine Geliebte, eine junge Engländerin, deren Identität noch nicht geklärt ist. Es wird aber angenommen, daß sie sich schon länger bei ihm in der Hütte aufhielt.
Daran war noch ein anderer Ausschnitt angeheftet.
Die Identität der Frau konnte festgestellt werden. Es handelt sich um Francine Ewell, seit längerer Zeit eine»Freundin« des Barons.
Das war alles. Es war unglaublich. Der Baron war ihr Ehemann! Ich erinnerte mich genau, wie sie mir erzählt hatte, sie würde heiraten, und wie ich mit mir rang, um die Trauerüber ihren Verlust zu verscheuchen und michüber ihr Glück zu freuen. Und dann hatte sie mir doch auch von ihrer Trauung geschrieben.
Ich blieb auf dem Speicher knien, bis meine Glieder sich verkrampften und meine Knie schmerzten. Dann ging ich mit den Zeitungsausschnitten in mein Schlafzimmer, setzte mich benommen hin, dachte zurück ... dachte an alles, was sie für mich gewesen war, bis sie fortging.
Wir hatten unsere idyllische Kindheit mit unseren angebeteten, unsüber alles liebenden und gänzlich weltfremden Eltern auf der Insel Calypso verbracht. Es waren wundervolle Jahre. Sie hatten geendet, als ich elf und Francine sechzehn war, und ich konnte vieles von dem, was um mich vorging, nicht wirklich begreifen. Ich wußte nichts von den Geldnöten und den Alltagssorgen, wenn eine Zeitlang keine Besucher ins Atelier meines Vaters kamen. Allerdings waren diese Sorgen niemals augenfällig, denn wir hatten ja Francine. Sie hielt uns alle mit ihrem Geschick und ihrer Tatkraft, die wir wie selbstverständlich hinnahmen,über Wasser.
Unser Vater war Bildhauer, ein Künstler. Er meißelte wunderbare Statuen von Cupido und Psyche; Venus, die den Wogen entstieg, kleine Meerjungfrauen, tanzende Mädchen, Urnen und Blumenkörbe, und die Besucher kamen und kauften diese Dinge. Meine Mutter und Francine waren seine Lieblingsmodelle. Auch ich saß ihm Modell, denn sie wären niemals auf den Gedanken gekommen, mich zuübergehen, obwohl ich nicht jene sylphidenhafte Grazie besaß wie Francine und meine Mutter, die sich so vollendet in Stein verwandeln ließ. Sie waren die Schönheiten. Ichähnelte mit meinen dichten, glatten, ständig unordentlichen Haaren von eigentlich undefinierbarer Farbe, die sich noch am ehesten als mittelbraun beschreiben läßt, meinem Vater. Ich hatte grünliche Augen, die je nach Umgebung die Farbe wechselten, eine Nase, die Francine»keck« nannte, und einen ziemlich großen Mund.»Großzügig« nannte ihn Francine. Sie wußte immer zu trösten. Meine Mutter war von feenhafter Schönheit, die sie Francine vererbt hatte: blondes, lockiges Haar, blaue, dunkelbewimperte Augen und eine Nase, die genau dieses gewisse Mehr an Länge besaß, das ausreichte, um sie schön zu machen; dazu eine ziemlich kurze Oberlippe, die ganz leicht vorstehende, perlengleiche Zähne enthüllte.Über alledem lag jener Zug weiblicher Hilflosigkeit, der in den Männern den Wunsch erweckte, ihnen zu dienen und sie vor den Widrigkeiten der Welt zu beschützen. Meine Mutter mag dieses Schutzes bedurft haben; Francine hatte ihn niemals nötig.
Die Tage waren lang und warm– wir ruderten mit dem Boot in die blaue Lagune, um dort zu schwimmen; wir nahmen hin und wieder Unterricht bei Antonio Farfalla, der dafür mit einer Skulptur aus dem Atelier unseres Vaters entlohnt wurde.»Eines Tages wird sie ein Vermögen wert sein«, versicherte ihm Francine.»Sie müssen nur abwarten, bis mein Vater berühmt ist.« Trotz ihres zartenÄußeren konnte Francine große Bestimmtheit ausstrahlen, und Antonio glaubte ihr. Er verehrte Francine. Bis wir nach Greystone kamen, schien jedermann Francine zu verehren. Sie nahm Antonio auf charmante Art unter ihre Fittiche, und wenn sie sich auch häufigüber seinen Nachnamen lustig