: Marcia Rose
: Die Mildtätige Roman
: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
: 9783955302962
: 1
: CHF 5.40
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 510
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Eine Frau im Kampf gegen die Geister ihrer Vergangenheit. Ein Drama, das unter die Haut geht. Kate McKenna soll in ihrem Heimatort, den sie vor vielen Jahren verlassen hat, die Leitung einer Klinik übernehmen. Doch offensichtlich will jemand sie unter allen Umständen loswerden: Sie erhält Drohanrufe, wird immer wieder von einem Obdachlosen belästigt, und auch in der Klinik gehen seltsame Dinge vor sich. Aber Kate lässt sich nicht beirren, sie stellt sich den Schatten ihrer Vergangenheit. Erst als sie die dramatischen Ereignisse ihrer Kindheit verarbeitet hat, die zum Tod von Vater und Mutter und zum Verschwinden des Bruders führten, ist sie bereit für ein neues Leben - und für die Liebe ... 'Marcia Rose versteht es meisterhaft, ihren Figuren Leben einzuhauchen, sie zu starken Charakteren zu formen. Große Emotionen vor einem stimmungsvollen, farbenprächtigen historischen Hintergrund.' Publishers Weekly

1


»Dr. McKenna! Wachen Sie auf! Dr. McKenna!« Die eindringliche Stimme riss Kate McKenna unsanft aus dem Schlaf. Sie blinzelte in die Dunkelheit, noch immer desorientiert, gefangen in den letzten Fetzen ihres Traums. Das hier war nicht ihr Schlafzimmer in der West 86th Street. Wowar sie? Oh, Moment. In ihrem neuen Büro. Bei ihrer neuen Arbeitsstelle. Nicht mehr in New York, sondern, so unglaublich es auch erscheinen mochte, in ihrer alten Heimatstadt. In Waterfield– einem Ort, von dem sie geschworen hätte, niemals dorthin zurückzukehren. Wie viel Uhr war es? Mit einem leisen Stöhnen schwang sie die Beineüber die Sofalehne.

Langsam kehrte sie ins Hier und Jetzt zurück: Sie hatte sich auf ihrem Ledersofa in die Richtlinien für die Behandlung von Psychiatriepatienten vertieft– nicht gerade der Inbegriff spannender Lektüre– und musste darüber eingeschlafen sein. Aber woher kam dieses leise Gefühl der Angst? Ihr Traum schien ziemlich unerfreulich gewesen zu sein.

»Tut mir leid, wenn ich Sie wecke, Kate, aber–« Die von der Nachtbeleuchtung erhellte Silhouette im Türrahmen gehörte Marian Morgenstern, ihrer Oberschwester. Wie Kate blieb Marian meistens lange, um sich um den endlosen Papierkram zu kümmern.»Nelson hämmert schon seit zehn Minuten an die Eingangstür und schreit nach der Chefin. Was soll ich tun?«

Kate stand auf und blinzelte gegen den Schlaf an.»Nelson. Was will er denn um diese Uhrzeit?« Sie bückte sich, um die Unterlagen aufzuheben, die ihr im Schlaf entglitten waren.

»Da er als eine Art Orakel gilt, bringt er vielleicht Neuigkeitenüber unseren neuen Boss. Vielleicht weiß er etwas, das wir nicht wissen.«

»Undwir wissen weiß Gottüberhaupt nichts«, bestätigte Kate. Beim Gedanken an das Memo, das an diesem Morgen auf ihren Schreibtisch geflattert war, tauschten sie einen viel sagenden Blick und lächelten gequält. In dem Schreiben, das mit einem nicht entzifferbaren Namen unterschrieben war (wahrscheinlich dem des neuen Leiters), wurden sie aufgefordert, sämtliche Unterlagen für eine Inspektion Ende der Woche bereitzuhalten.

»Wie hat der Vorstand es nur geschafft, unseren reizenden Dr. Carlyle einfach so ... verschwinden zu lassen? Vorletzten Donnerstag war er noch der Leiter der Anstalt, am selben Abend findet eine Vorstandssitzung statt und zack ... am Freitagmorgen ist er weg, ohne sich von uns zu verabschieden.«

»Stimmt.« Kate unterdrückte ein Gähnen.»Und innerhalb kürzester Zeit gibt es einen Ersatz.«

Wieder lächelte Marian sarkastisch.»Das behaupten sie zumindest. Wieso kommt er nicht einfach vorbei, um sich persönlich vorzustellen? Wer ist erüberhaupt? Ich habe nie vorher von ihm gehört. Keiner hat das. Austin Davey!« Sie spie die Worte aus wie ein Schimpfwort.

»Wie ich diese geheimen Machenschaften hasse«, erklärte Kate.»Damit sollen alle eingeschüchtert werden. Und es funktioniert auch noch!«

»Sie haben ja so Recht.« Marian lachte. Sie konnte wohl allem eine lustige Seite abgewinnen. Das war aber nur eine der Eigenschaften, die sie zu einem echten Schatz machten. Sie schien stets da zu sein, wenn man sie brauchte, so wie jetzt ...»Wie spät ist es eigentlich?«, fragte Kate gähnend.»Entschuldigen Sie.«

»Halb elf.«

»Meine Güte, was kann er nur wollen?« Nelson mochte psychotisch sein– verdammt, das war er allerdings. Aber er wusste genau, dass das Continuing Care Center um 18.30 Uhr schloss. Danach konnten sich die Patienten an die Crisis Intervention Clinic wenden, die rund um die Uhr geöffnet hatte. Was um alles in seiner chaotischen, abgedrehten Welt konnte so wichtig sein?

»Ich nehme an, Sie haben ihn hereingebeten?« Kate stand auf.

»Natürlich. Aber Sie wissen ja, dass es ein Heidenakt ist, Nelson zum Hereinkommen zu bewegen. Ich hätte ja lieber zu ihm gesagt, er soll nach Hause gehen und morgen wiederkommen, aber er ist ziemlich aufgebracht und könnte womöglich einen Grund für sein Erscheinen haben. Nelson bekommt mehr mit, als ihm die meisten zutrauen. Er ist zwar geistesgestört, aber auf seine Weise trotzdem völlig klar im Kopf.« Als sie den Korridor entlang in Richtung Eingangshalle gingen, hörten sie lautes Hämmern an der Tür, begleitet von unartikuliertem Heulen. Marian presste sich die Hände auf die Ohren.»Au. Sie sollten lieber nachsehen, was er will, bevor wir den Ausschuss am Hals haben.«

Sie tauschten einen grimmigen Blick. Seit der Eröffnung vor gerade einmal sechs Monaten wurde das Continuing Care Center vom Großteil der Bevölkerung Waterfield gehasst und gefürchtet. Trotz seiner freundlich gestrichenen Wände und der renovierten Fassade, trotz der Blumenbeete vor dem Haus und d