Frauen–
und die patriarchalische Rollenteilung
»Ich weiß, daß ich einem Kind nicht die nötige Zeit und Zuwendung geben könnte– deshalb bleibe ich kinderlos.« Ein Ausspruch, den gerade karriereorientierte Frauen immer wieder machen. Ein Ausspruch, der natürlich zu denken gibt. Basiert er nur auf Egoismus oder auf Verantwortlichkeit? Wie sieht es denn vergleichsweise beim Mann aus? Würde ein Mann, der›sowieso‹ zielbewußt Karriere machen will,ähnlich denken? Die Erfahrung zeigt: Männer, die noch im tradierten Rollenverständnis ticken, fühlen sich auf ganz natürliche Art weniger bis gar nicht zuständig für die frühe Nestpflege. Sie sehen sich eher als finanzielle Versorger der Familie und nennen dieses Familiensystem Rollenteilung… Frau zu Hause, zuständig für die kleinen Kinder– Mann nicht zu Hause, zuständig für das materielle Auskommen der Familie.
Ein trügerisches System, wie inzwischen die zunehmende Verwahrlosung der Wohlstandsgesellschaft zeigt, die sich in ständig ansteigenden und erschreckenden Ziffern von Drogengeschädigten, jungen Rechtsextremisten und Terroristen, Sektenzugewandten, jugendlichen Kriminellen und weiteren sozialen Auffälligkeiten niederschlägt. Die Zeiten sind längst passé, in denen man selbstgefällig den Kopfüber solche Mißstände schütteln konnte in der Meinung, die Wurzeln dieser gesellschaftlichenÜbel lägen ausschließlich in der sozialen Misere und Unkenntnis irgendwelcher Randgruppen.
Der Versuch, diese sozialen Mißstände einer vermehrten›Haus- und Familienflucht‹ der Ehefrau und Mutter zuzuschieben, ist unsinnig! Denn gerade Kinder aus dem gehobenen Mittelstand und der Oberschicht haben meist die Mutter zu Hause, da der materielle Lebensstandard mehr als zur Genüge vom Vater abgedeckt wird. Es könnte ja dem gesellschaftlichen Ansehen des Mannes abträglich sein, wenn die Meinung entstehen würde, seine Frau›müßte‹ arbeiten… karitative und soziale Engagements natürlich ausgenommen.
Der Mann mit einem tradierten und nicht hinterfragten Rollenverständnis als Versorger der Familie wird kaum in Erwägung ziehen, daß seine physische Anwesenheit im Rahmen der Familie heutzutage einen genauso hohen Stellenwert haben könnte wie die seiner Frau. Er gewichtet seine Verantwortlichkeit mehr auf der materiell-finanziellen Seite und weniger auf der der emotionalen Verfügbarkeit.
Der Ausspruch»Kinder brauchen Väter« löst bei ihm höchstens einüberfordertes»Jaja« aus, verbunden mit der bissigen Frage, ob er sich in seinem geschäftlichen Streß nicht bereits genug abstrample für die Familie? Und bitte, wann und wie sollte er daneben noch zuständig sein für Kindererziehung plus Schulaufgaben und Chauffeurdienste zum Musikunterricht und zur Tennisstunde?! Völlig unmöglich! Dafür hätte seine Frau massenhaft Zeit– die sei nicht so eingespannt. Aber er bemühe sich, wenigstens an den Wochenenden für die Kinder zuständig zu sein.
Aus langer Tradition gespeist, wird sich der Verzicht auf Kinder mangels zeitlicher und emotionaler Verfügbarkeit für den Mann nicht oder nicht in dem Maß aufdrängen wie bei der Frau. Er hat bei seinem Vater und Großvater, bei den männlichen Verwandten und Freunden der Familie, deren Lebensweise eine Richtlinie für sein eigenes Leben ist, vor allem erlebt, wie Männer nur zeitweise, sparsam bemessen, ihren Familien zur Verfügung standen– und das hat sich ihm eingeprägt.
Seine Mutter hingegen und Frauenüberhaupt waren aber ständig präsent… woher soll der heutige Mann schon genügend Erfahrungswerte haben, die eine solchermaßen verteilte familiäre Gewichtung relativieren oder gar in Frage stellen? Sagte doch Schiller schon:
»Der Mann muß hinaus
ins feindliche Leben,
muß wirken und streben
und pflanzen und schaffen…«
…
»Und drinnen waltet
die züchtige Hausfrau,
die Mutter der Kinder,
und herrschet weise
im häuslichen Kreise…«
Heutige Väter, die in diesem Rollenverständnis versteinert sind, sollten daran denken, daß sich die Zeiten seit Schiller um einiges verändert haben. Seit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert sind Familienstrukturen aufgebrochen und in einem fortwährenden sozialen Wandel begriffen. Daraus folgten Werteveränderungen, wie die aufgewertete sozio-politische Stellung der Frau, die allmählich schwindende Rolle der Familie als einziges soziales Sicherungsnetz und die damit verbundene Entmachtung des Vaters als Familienoberhaupt.
Die patriarchalisch strukturierte Familie, die davon abhängig war, daß der Mann und Vater für Recht und Ordnung sorgte und als einziger in der Lage war, für dasÜberleben der Familie zu sorgen, gehört in unserer mitteleuropäischen Kultur der Vergangenheit an.
Mit anderen Worten: die Schillersche Familienidylle hat längst ausgedient– das wissen wir und das wissen unsere Kinder. Ein sozialer Wandel hat stattgefunden– diese familiäre Rollenverteilung ist mehr als veraltet– sie ist verstaubt und stimmt längst nicht mehr. Die männlich-väterlichen Werte von einst sind nicht mehr die, welche heute benötigt werden.
Der heutige Vater, der sich noch immer an Schiller orientiert– und»ständig hinaus ins feindliche Leben (Arbeitsplatz) zieht«– wird zurunglaubwürdigen Figur in der eigenen Familie. Der durch seine Leistung alleinseligmachende und andere zu Dank verpflichtende pater familias stellt keinen ernstzunehmenden männlichen Wert mehr dar für Tochter und Sohn.
Papa ist ständig von der Familie abwesend. Warum? Seine Abwesenheit muß doch damit zu tun haben, da&szli