: Morris L. West
: Tochter des Schweigens
: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
: 9783955302382
: 1
: CHF 3.60
:
: Spannung
: German
: 248
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
San Stefano ist ein verschlafenes kleines Dorf in der Toskana,unweit von Siena, wo die Zeit langsam und gemächlich dahinzieht. Die idyllische Ruhe wird jedoch jäh gestört durch tödliche Schüsse auf Gianbattista Belloni, den Bürgermeister des Dorfes. Als sich die junge Anna Albertin der Polizei stellt, ahnen die Dorfbewohner das Tatmotiv: Es findet sich in der Vergangenheit, die alle vergessen wollten. Doch Carlo Rienzi, ein junger Anwalt, übernimmt die schwierige Aufgabe, den im Verborgenen liegenden Motiven und Zusammenhängen der Tat nachzuspüren...

Morris Langlo West wurde 1916 in St. Kilda, Australien geboren. Mit 14 Jahren trat er in den Orden der Christian Brothers ein, der Katholizismus beeinflusste West nachhaltig. 1937 schloss er sein Studium an der University of Melbourne ab und unterrichtete anschließend moderne Sprachen und Mathematik an den Klosterschulen des Ordens in New South Wales. 1942 verließ er den Orden und kämpfte etwa zu dieser Zeit auch im Zweiten Weltkrieg, bis er 1943 Sekretät des früheren australischen Premierministers, Billy Hughes, wurde. Während seiner Zeit bei der Armee schrieb er ein Buch über sein Leben im Kloster, das er 1945 unter dem Pseudonym Julian Morris veröffentlichte. Etwa zur Zeit des Kriegsendes arbeitete er für den australischen Rundfunk, nachdem er jedoch wegen eines Zusammenbruchs ein Jahr im Krankenhaus gelegen hatte, verkaufte er sein Unternehmen und arbeitete fortan ausschließlich als Schriftsteller. Sein erster Gedichtband erschien 1955, gefolgt von den erfolgreichen Romanen 'Gallows on the Sand' im selben Jahr und 'Kundu' ein Jahr später. Mit dem Geld, das er mit den Romanen verdiente, reiste er ins Ausland und lebte einige Zeit in Österreich, Italien, England und den USA. Viele seiner Bücher sind von seiner Zeit in Italien inspiriert. Erst 1980 kehrte er nach Australien zurück. Wests Bekanntheit wurde durch einige Verfilmungen seiner Bücher noch gesteigert. Viele seiner Werke behandeln ethisch-religiöse Konflikte oder haben politische Brisanz. Am 9. Oktober 1999 starb Morris West in Sydney.

1


Es war heller Sommermittag in den Hochtälern der Toskana. Eine träge Zeit, die Jahreszeit von Staub und Schlaffheit, von abgeerntetem Flachs und Lerchen in Stoppelfeldern, von neuem Wein, der heranreifte im Land der alten Götter.

Es war eine Stunde des Glockenschlags – träge schwingend über die Gräber toter Heiliger und vergessener Landsknechte. Eine Stunde der Dunkelheit hinter geschlossenen Läden, denn wer anders als Hunde und törichte Amerikaner würde sich der heißen Augustmittagssonne aussetzen?

Im Dorf San Stefano klangen die ersten Schläge des Angelus über die Piazza. Still lag das Dorf, schläfrig und satt von einer guten Ernte, in der Hitze.

Ein alter Mann blieb stehen und bekreuzigte sich mit gesenktem Kopf. Vor der Tür des Restaurants stand ein dicker Bursche mit weißer Schürze und einem karierten Tuch über dem Arm und stocherte mit einem Streichholz in den Zähnen. Ein Polizist mit einem Eselsgesicht trat vor seine Tür, spähte träge über den Platz, spie aus, kratzte sich und kehrte zu seinem Wein und Käse zurück.

Aus den Mäulern müder Delphine rann ein dürftiger Wasserstrahl in das flache Becken des Brunnens, in dem ein dünner kleiner Bursche ein Boot aus Papier schwimmen ließ. Ein Mann zog einen Karren klappernd über das Kopfsteinpflaster, hochbeladen mit Reisigbündeln und braunen Beuteln Holzkohle, auf denen hoch oben ein winziges kraushaariges Mädchen thronte. Eine barfüßige Frau, ein Baby im Arm, trat aus der Weinhandlung und ging über die Piazza zur Allee am anderen Ende. Ein paar Kilometer entfernt ragten die Türme und Dächer Sienas in den kupfernen Dunst.

Es war eine friedvolle Szenerie, mit wenig Menschen, seltsam antik anmutend und bewegt nur vom langsamen Pulsschlag des Landlebens. Hier floß die Zeit träge dahin, wie das Wasser des Brunnens, und der einzige Wechsel war der von Alter und Jahreszeit. Es war ein Platz, wo Tradition viel wichtiger schien als Fortschritt, wo Überliefertes gepflegt und verehrt wurde wie alte Liebe und alter Haß.

Eine Straße führte hinein und eine hinaus, von Arezzo nach Siena. Doch nur im Sommer gab es auf ihr spärlichen Verkehr. Handel und Tourismus hatten San Stefano nie berührt. Die Güter in den Tälern waren klein und wurden von ihren Bauern eifersüchtig vor Fremden bewahrt. Wer fortging, galt als ruhe- oder wurzellos oder von Ehrgeiz geplagt. Das Dorf war froh, solche loszuwerden.

Noch ehe das letzte Echo der Glocke verhallte, war die Piazza menschenleer. Die Läden waren geschlossen, die Vorhänge zugezogen, und der Staub setzte sich in die Pflasterritzen, während das Zirpen der Zikaden sich grell und monoton aus den Feldern der Umgebung erhob.

Knapp zehn Minuten später trat der Glöckner aus der Kirche, ein älterer Mönch in der staubigen Kutte der Franziskaner, mit weißem Haar, in das eine Tonsur geschnitten war, und einem roten Gesicht, so rund wie ein Winterapfel. Einen Augenblick stand er im Schatten des Portals und trocknete sich das Gesicht mit einem roten Taschentuch. Dann zog er die Kapuze über den Kopf und ging mit klappernden Sandalen über die glühendheißen Steine der Piazza.

Er hatte noch keine zehn Schritte getan, als ein höchst ungewöhnlicher Anblick ihn stehenbleiben ließ. Ein Taxi aus Siena kam langsam auf die Piazza gerollt und blieb vor dem Restaurant stehen. Eine Frau stieg aus, bezahlte den Fahrer und sah dem Wagen nach, bis er verschwunden war.

Sie war jung, bestimmt nicht älter als fünfundzwanzig, und ihre Kleidung war die einer Städterin: ein Schneiderkostüm, weiße Bluse, modische Schuhe und eine Tasche an einem Lederriemen über der Schulter. Sie trug keinen Hut, und ihr dunkles Haar fiel in Wellen über ihre Schultern. Ihr Gesicht war blaß, still und von einzigartiger Schönheit, wie das einer wächsernen Madonna. In der menschenleeren, im Sonnenglast liegenden Piazza wirkte sie unsicher und vereinsamt.

Eine Weile stand sie da und sah sich um, als suche sie sich i