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»Du fährst nachAmerika?« hatte ihre Mutter gesagt. Der ganze Mythos des Landes hatte in ihrem Tonfall mitgeschwungen: das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, das Siedler und Abenteurer angezogen hatte, unendlich weit war, der Sehnsucht Nahrung bot und vielfältige Gesichter hatte.
Ja, Amerika. Michelle war noch nie dort gewesen. In ihrer Teenagerzeit war sieöfter nach Frankreich gereist, aber den Antrieb für eine größere Reise hatte sie eigentlich nie gehabt. Und jetzt, wo sieüber die Ozeane auf die Vereinigten Staaten zuflog, flatterten ihr wirr und ungeordnet Filmbilder durch den Kopf– Wüsten, endlose Straßen nach Westen, Wolkenkratzer, Neonflimmern auf nassem Asphalt, Steptänzer in Glitzeranzügen. Gesichter von der Leinwand und vom Bildschirm, Stimmungen. Sie erinnerte sich an die erotische Spannung in dem Film›The Big Easy‹, den sie sich vor der Abreise noch angesehen hatte. Er spielte in New Orleans. Sie konnte sich nicht wiederfinden in der Rolle der jungen Staatsanwältin, aber die schonungslose Offenheit und Verletzlichkeit in dem seltsam schönen Gesicht der Hauptdarstellerin hatte etwas in ihrem Innersten berührt.
Die Stewardessen kamen mit den Formularen für die Einwanderungsbehörde. Nein, sie war kein Nazi, kein Kommunist und hatte keine ansteckenden Krankheiten. Man reichte ihr heiße Tücher, und sieüberlegte kurz, ob sie sich damit vor der Einreise desinfizieren müßte. Ein absurder Gedanke.
Sie sah auf die Uhr und begann zu rechnen. Um halb vier Ortszeit, in einer Stunde, würden sie in Chicago landen. Dort würde sie den Flieger nach New Orleans nehmen. In Deutschland war es halb neun Uhr abends. Und sie saß nicht vor dem Fernseher. Sie war unterwegs in eine Welt, die viele ihrer Kolleginnen ebenso wie ihre Eltern und auch Heiko, nur aus dem Kino kannten.
Ein leichtes Schamgefühl beschlich sie. Heiko war ziemlich aufgebracht gewesen, als sie ihm von ihren Plänen berichtet hatte, denn er spürte, daß sie sich von ihm abwandte. Das war ihr nur recht so; es nahm ihr die Schuldgefühle. Sollte er sie nur bestrafen. Sie wußte nicht, ob er nun ernsthaft anfangen würde, sich eine Frau zu suchen, mit der er eine Familie gründen konnte. Daran lag ihm viel, das wußte sie. Sie hatte jedenfalls vor, etwas zu erleben. Sie wollte ihre Grenzen erweitern.
Sie hatte ein bißchen Angst vor Sprachschwierigkeiten, doch sie hatte Englisch immer sehr gemocht und aus Spaß ab und zu Bücher auf englisch gelesen. Am Telefon hatte sie sich ganz gut gehalten, fand sie. Aber Stella Duvall hatte auch in einem klaren, ruhigen und betont langsamen Tonfall gesprochen. Sie würde sie in New Orleans am Flughafen abholen.»Wir werden uns erkennen«, sagte sie, als Michelle nach einem Erkennungszeichen fragte.»Ich habe wellige schwarze Haare. Aber ich bin mir sicher, daß ich dich zuerst sehen werde.« Ihre Stimme war dunkel, fest, doch sie verriet nicht viel.
Michelle zweifelte ebenfalls nicht daran, daß sie sich finden würden. Die Anzeige war schließlich auch kein Zufall gewesen.
Der Flughafen kam ihr klein vor, niedrig. Dicker Teppichboden schluckte die Geräusche, die Luft war klimatisiert, aber eine warme Feuchtigkeit lag in den Räumen. Das Gebäude wirkte still, geradezu intim für den Flughafen einer großen Stadt. Sie war nicht in New York; sie war im Süden. Karnevalsmasken, glitzernd, federnbesetzt, in einem Souvenirladen. Leise Musik, rhythmisch, draußen vor den gläsernen Wänden die Nacht.