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»Küss mich!«, befehle ich dem glücklichsten Typen des Abends.
Als er sich mit seiner Milchbubi-Frisur vor einer Weile zu mir an die Bar desMayhem setzte, mied ich jeglichen Blickkontakt, wandte ihm demonstrativ den Rücken zu und schlug die Beine auf der anderen Seite übereinander. Es war nicht geplant, mit ihm rumzuknutschen, aber jetzt habe ich keine andere Wahl.
Ein dümmlicher Ausdruck huscht über sein Gesicht. Der Junge könnte niedlich sein, wenn er eben nicht so verdammt dümmlich aussehen würde. »Hä?«
»Oh, Herrgott noch mal!« Ich verschränke die Finger in seinem Nacken und ziehe ihn mit einem Ruck an mich heran, neige den Kopf zur Seite und hoffe, dass er schnell von Begriff ist. Meine Lippen öffnen sich, meine Zunge kommt zum Spielen heraus, und einen Augenblick später kapiert er es endlich. Seine gierigen Finger vergraben sich in meinen schokoladenbraunen Locken – für die ich heute MorgenStunden gebraucht habe.
Na toll!
Aus den Augenwinkeln sehe ich Joel Gibbon mit einem wasserstoffblonden Groupie im Arm an mir vorbeischlendern. Er ist zu sehr damit beschäftigt, dem Mädchen irgendwas ins Ohr zu flüstern, um mich zu bemerken. Es juckt mich in den Fingern. Am liebsten würde ich ihm die Faust ins Gesicht rammen und ihn an den, zu diesem lächerlichen Iro gestylten, Haaren ziehen, damit er auf mich aufmerksam wird.
Ich bin drauf und dran, Milchbubi von mir wegzustoßen, als Joel endlich den Kopf hebt und meinem Blick begegnet. Ich knabbere an Milchbubis Unterlippe und zupfe ein bisschen an ihr herum. Joels Mundwinkel verziehen sich zu einem lässigen Grinsen. Das ist absolutnicht die Reaktion, die ich mir erhofft habe. Er geht weiter, und sobald er außer Sichtweite ist, löse ich meine Lippen von Milchbubis, schubse ihn zurück zu seinem eigenen Hocker und wirbele dann in die entgegengesetzte Richtung herum, um meine kichernde beste Freundin mürrisch anzusehen.
»Ich fass es nicht!«, rufe ich einer viel zu amüsiert dreinblickenden Rowan zu. Wie kann sie den Ernst dieser Situation nicht erfassen?!
Doch bevor ich sie schütteln und zur Vernunft bringen kann, klopft mir Milchbubi auf die Schulter. »Ähm …«
»Gern geschehen«, sage ich mit einer wegwerfenden Handbewegung. Ich bin nicht gewillt, meine Zeit noch eine Minute länger mit einem Typen zu verschwenden, der nicht zu schätzen weiß, welchen Aufwand es erfordert, Haareso zu wellen – oder der sie zumindest unter Umständen zerzaust, von denen ich auch etwas habe …
Rowan lächelt ihn entschuldigend an, ich hingegen stoße einen tiefen Seufzer aus.
Ich bin nicht wegen Milchbubi so aufgebracht. Ich bin aufgebracht wegen dieses bescheuerten Bassgitarristen vonThe Last Ones to Know. »Dieser Mann bringt mich noch um den Verstand«, knurre ich.
Rowan grinst breit, und ihre blauen Augen funkeln verschmitzt. »Du warst schon vorher nicht bei Verstand.«
»Er bringt m