Prolog
Fast sechs Jahre zuvor
»Bist dusicher, dass du das tun willst?«, fragt mich mein Zwillingsbruder, Kaleb. Er hat die Arme vor der schmalen Brust verschränkt und kaut auf seiner Unterlippe. Ich verdrehe die Augen.
»Wie oft willst du mich das denn noch fragen?« Eines meiner Beine baumelt bereits aus meinem Schlafzimmerfenster im ersten Stock, und mein schwerer Kampfstiefel zieht mich Richtung Boden. Ich habe mich schon eine Million Mal aus dem Haus geschlichen – um mit Taschenlampen Verstecken zu spielen, meinen Brüdern nachzuspionieren, etwas dringend benötigte Zeit für mich allein zu haben –, aber ich war noch nie so nervös wie heute Abend.
Oder so verzweifelt.
»Wie oft muss ich es denn noch tun, bis du begreifst, dass das hierverrückt ist?«, zischelt Kaleb zu laut, während er einen nervösen Blick über die Schulter wirft. Unsere Eltern schlafen, und damit der heutige Abend so verläuft wie geplant, muss ich sicherstellen, dass es dabei auch bleibt. Als er mich wieder ansieht, hat er immerhin so viel Anstand, schuldbewusst zu blicken, weil er mich um ein Haar hätte auffliegen lassen.
»Das ist meine letzte Chance, Kale«, flehe ich mit leiser Stimme, aber mein Zwillingsbruder lässt sich nicht beirren.
»Deine letzte Chanceworauf, Kit? Was hast du denn vor? Ihm deine ewige Liebe gestehen, nur damit er dir das Herz brechen kann so wie jedem anderen Mädchen, das diesem Typen über den Weg läuft?«
Ich seufze und schwinge ein zweites langes Bein über den Fenstersims. Ich starre zu den Wolken hoch, die sich in diesem Moment vor die Mondsichel schieben. »Es ist nur …« Noch ein tiefer Seufzer entfährt mir. »Wenn Mom und Dad aufwachen, deck mich einfach, okay?«
Als ich einen Blick über die Schulter werfe, schüttelt Kale den Kopf.
»Bitte!«
Er stellt sich zu mir ans Fenster. »Nein. Wenn du gehst, komme ich mit.«
»Du wirst nicht …«
»Entweder komme ich mit, oder du bleibst hier.« Der Blick meines Bruders spiegelt meinen eigenen wider – düster und entschlossen –, seine Augen sind von einem solch dunklen Braun, dass sie fast schwarz wirken. Ich kenne diesen Blick, und ich weiß, dass jede weitere Diskussion zwecklos ist. »Deine Entscheidung, Kit.«
»Du Partytier«, ziehe ich ihn auf und springe, bevor er mich aus dem Fenster schubsen kann.
»Also, wie sieht dein Plan aus?«, will er wissen, nachdem er neben mir auf dem Boden gelandet ist und sich meinem Laufschritt angepasst hat.
»Bryce bringt uns hin.«
Als Kale anfängt zu lachen, zwinkere ich ihm selbstgefällig zu. Dann springen wir beide in denSUV unserer Eltern und warten.
Adam Everest schmeißt heute Abend die größte Party aller Zeiten. Er und die anderen Mitglieder seiner Band haben heute Morgen ihren Abschluss gemacht, und es geht das Gerücht um, dass sie alle bald nach Mayfield ziehen. Mein Bruder Bryce hätte auch seinen Abschluss gemacht, wenn er nicht mit Schulverweis dafür bestraft worden wäre, dass e