: Victoria Holt
: Schwarzer Opal
: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
: 9783955305000
: 1
: CHF 4.50
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: Erzählende Literatur
: German
: 384
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Die englischen Grafschaft Kent gegen Ende des 19. Jahrhunderts. In einem Dorf wird unter einem Azaleenbusch das Findelkind Carmel entdeckt, das bei einer Pflegemutter aufwächst. Nach deren Tod holt ein Verwandter die junge Carmel zu sich nach Australien. Hier erfährt sie die wahre Identität des Onkels - und sie lernt die gefährliche Faszination kennen, die Gold und Opale auf die Einwanderer ausüben. Nach Jahren zieht es Carmel wieder heim nach England. Sie möchte den Geheimnissen ihrer Kindheit auf die Spur kommen ... Ein romantischer Spannungsroman von Victoria Holt, der Meistererzählerin des Unheimlichen!

Victoria Holt (eines von mehreren Pseudonymen Eleanor Burfords) wurde in London als Tochter eines literaturbegeisterten Kaufmanns geboren. Da mehr Bücher als Geld im Hause waren, begann sie früh zu lesen und bald auch selbst zu schreiben - anfangs Kurzgeschichten, später zahlreiche Romane, die Bestseller wurden und sie zu einer international berühmten Autorin machten.

Die Gouvernante


Man hat sie nicht auf einer Trage nach Hause gebracht wie damals Mr. Carteret von Letch Manor, der sich auf der Jagd das Bein gebrochen hatte. Man hat sie ins Krankenhaus gebracht, und das ließ Schlimmes befürchten.

Der Doktor blieb lange fort. Die Neuigkeit, die Herrin habe einen Jagdunfall erlitten, verbreitete sich im Haus. Es müsse schlimm sein, hieß es, denn man habe sie nicht nach Hause gebracht, sondern ins Krankenhaus. Es ist ganz natürlich, daß die Menschen sich bei einem solchen Ereignis als erstes fragen, welche Auswirkungen es für sie persönlich haben werde. Würde die Herrin sterben? Für die Dienstboten konnte dies bedeuten, daß sie ihre Stellung verloren. Alle Welt wußte, daß Mrs. Marline das Geld hatte. Niemand im Haus konnte sie gut leiden, das Personal ging ihr aus dem Weg, wann immer es möglich war.

Davon, daß Mrs. Marline ein»wahrer Drachen« sei, war freilich nicht die Rede. Im Gegenteil, sie verwandelte sich geschwind in eine Heilige. Ich wußte längst, daß der Tod sich auf diese Art auf die Menschen auswirkte. Demnach stand fest, daß Mrs. Marline sterben werde.

Endlich kam der Doktor zurück. Er sprach mit den Bediensteten, dann schickte er nach Estella, Henry und mir.

Als wir versammelt waren, sagte er zu uns:»Ich muß euch mitteilen, daß eure Mutter schwer verletzt ist. Ihr Pferd istüber eine vorstehende Baumwurzel gestolpert, als sie geradeüber einen Zaun springen wollte. Dabei wurde das Pferd so schlimm verletzt, daß es getötet werden mußte. Eure Mutter ist im Krankenhaus und muß ein paar Tage dort bleiben. Es steht zu befürchten, daß sie nie mehr gehen kann. Wir müssen beten, daß es Mittel und Wege gibt, damit sie gesund wird. In der Zwischenzeit können wir nur abwarten ... und hoffen.«

Wir waren alle sehr ernst. Nanny schloß sich mit Mrs. Barton ein, und die beiden besprachen die Zukunft. Estella und ich wußten nicht, was wir sagen sollten. Wir waren erschrocken und irgendwie gespannt. Da Mrs. Marline in meinem Leben nie eine große Rolle gespielt hatte, stellte ihre Anwesenheit oder Abwesenheit für mich kaum einen Unterschied dar. Aber ich wußte jetzt schon, daß nichts mehr ganz so sein würde, wie es vorher war.

Und ich behielt recht.

Wie eh und je wurde das Haus auch jetzt von Mrs. Marline beherrscht. Man hatte zwei Zimmer im Erdgeschoß für sie hergerichtet. Beide hatten Fenstertüren zum Garten hinaus, das eine wurde ihr Schlafgemach, das andere ihr Wohnzimmer. Mit einem Rollstuhl konnte sie sich von einem Zimmer zum anderen bewegen, aber sie war auf Hilfe angewiesen, um durch die Fenstertüren in den Garten zu gelangen. Sie hatte Glocken, mit denen sie die Dienstboten rufen konnte, und ihr gebieterisches Klingeln war häufig im Haus zu hören.

Jeden Morgen kam Annie Logan, um ihr beim Waschen und Anziehen zu helfen, und abends kam sie wieder. Annie Logan war die Gemeindeschwester. Sie traf auf ihrem Fahrrad pünktlich um neun Uhr ein und verbrachte ungefähr eine Stunde bei Mrs. Marline. Dann ging sie in die Küche, um mit Nanny Gilroy und Mrs. Barton Tee zu trinken. Sie plauderte ein wenig, und nach einer Weile radelte sie zu dem nächsten bedauernswerten Geschöpf, das ihrer Pflege bedurfte.

Es war offensichtlich, daß Mrs. Marline zeitweise unter Schmerzen litt. Dr. Everest aus dem Nachbardorf behandelte sie. Das kam mir ziemlich seltsam vor, da wir doch einen Arzt im Hause hatten, und ich sagte es laut.

»Dummes Kind!« versetzte Henry.»Ein Doktor kann doch nicht seine eigene Frau behandeln.«

»Warum nicht?« fragte ich.

»Weil die Leute denken, er könnte ihr den Rest geben.«

»Den Rest geben? Was meinst du damit?«

»Sie ermorden, Dummchen!«

»Sie ermorden?«

»Ehemänner ermorden manchmal ihre Frauen.«

Da dachte ich, daß es sehr vernünftig war, Mrs. Marline von einem anderen Arzt behandeln zu lassen, denn dem Doktor war durchaus der Wunsch zuzutrauen, sie umzubringen.

Sie war stimmgewaltiger denn je. Ständig wetterte sie gegen alles und jeden. Nichts war ihr recht. Oft hörten wir, wie sie den armen Doktor abkanzelte. Wir vernahmen ihre laute Stimme und seine gefügigen Antworten.»Ja, meine Liebe. Selbstverständlich, meine Liebe.«

»Meine Liebe.« Das klang widersinnig. Wie konnte Mrs. Marline irgend jemandes»Liebe« sein?

Der arme Doktor sah ausgezehrt und abgehärmt aus. Ich verstand sehr gut, warum es notwendig war, daß sie von Dr. Everest behandelt wurde.

Wir waren ein sehr unglücklicher Haushalt. Nur ich hatte es relativ gut, weil ich Mrs. Marline aus dem Weg gehen konnte.

Wenn Onkel Toby kam, wurde das Leben heiterer. Sogar Mrs. Marline war dann ein wenig munterer, denn es freute sie sichtlich, ihn zu sehen. Er saß bei ihr, redete mit ihr und entlockte ihr ab und zu ein Lächeln.

Ich hatte ein langes Gespräch mit ihm. Es war im Garten.»Schön, wenn man aus dem Haus kann«, meinte er.»Der arme alte Doc! Es steht nicht besonders gut um ihn. Und Grace muß einem leid tun. Sie wollte immer, daß alles nach ihrem Willen ging. Sie hätte jemanden heiraten sollen, der ihrähnlicher gewesen wäre, jemanden, der sie am Zügel genommen hätte. Unser Doc hätte ein