: Victoria Holt
: Das Haus der tausend Laternen
: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
: 9783955305055
: 1
: CHF 4.50
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: Erzählende Literatur
: German
: 368
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Jane ist bereits eine junge Ehefrau und Mutter, als sie mit ihrem alternden Mann und ihrem kleinen Sohn zum erstenmal in Hongkong das geheimnisvolle 'Haus der tausend Laternen' betritt. Es heißt, das Haus berge einen Schatz, doch niemand hat ihn bisher entdeckt. Ist es die legendäre, unermesslich kostbare Statue der Göttin Kuan Yin? Und was hat es mit den zahllosen Laternen auf sich, die das Haus schmücken? Jane zählt sie - es sind nur knapp eintausend. Wo sind die fehlenden Laternen geblieben? Gibt es noch einen verborgenen Raum in diesem geheimnisvollen Haus? Als ihr Mann plötzlich stirbt, ist Jane eine reiche Witwe, und gleich drei Männer umwerben sie. Doch dann wird sie von einem merkwürdigen Leiden befallen. Etwas bedroht sie und trachtet ihr nach dem Leben. Wer - oder was - steckt dahinter? Victoria Holt, die Meistererzählerin des Unheimlichen, verbindet in diesem aufregenden Roman ein Höchstmaß an Spannung mit einer romantischen Handlung, die den Leser bis zur letzten Seite fesselt.

Victoria Holt (eines von mehreren Pseudonymen Eleanor Burfords) wurde in London als Tochter eines literaturbegeisterten Kaufmanns geboren. Da mehr Bücher als Geld im Hause waren, begann sie früh zu lesen und bald auch selbst zu schreiben - anfangs Kurzgeschichten, später zahlreiche Romane, die Bestseller wurden und sie zu einer international berühmten Autorin machten.

Roland’s Croft


I


Als ich zum ersten Mal vom Haus der tausend Laternen hörte, spürte ich sofort das Verlangen, mehr von einem Haus mit solch merkwürdigem Namen zu erfahren. Magisch-mystisch mutete er mich an. Warum hieß das Haus so? Waren tatsächlich tausend Laternen darin? Und welche Bedeutung hatten sie? Es klang wie aus einem Märchen aus Tausendundeine Nacht. Wie konnte ich ahnen, daß ich, Jane Lindsay, eines Tages in dieses Geheimnis, in große Gefahr und unglaubliche Intrigen verwickelt sein würde, die mit diesem merkwürdigen Haus zusammenhingen.

Eine Verwicklung, die schon Jahre davor begann und mir bereits damals viel Herzleid und Aufregung brachte.

Als meine Mutter Hausdame bei Sylvester Milner wurde, war ich fünfzehn. Sylvester Milner, jener eigenartige Mann, der solchen Einfluß auf mein Leben gewinnen sollte und ohne den ich nie vom Haus der tausend Laternen gehört, es nie erblickt hätte. Wäre mein Vater nicht gestorben, so hätten wir wohl weiter unser friedliches, normales Leben geführt. Als wohlerzogene, aber fast mittellose junge Dame hätte ich wohl einen passenden, liebevollen Mann gefunden und mit ihm ein glückliches, wenn auch wenig aufregendes Dasein gehabt.

Die Ehe meiner Eltern war zwar unkonventionell, aber durchaus nicht außergewöhnlich. Vater wuchs als Sohn eines reichen Gutsbesitzers im Norden Englands auf. Lindsay Manor war schon drei Jahrhunderte im Besitz der Familie. Derälteste Sohn erbte traditionsgemäß immer das Gut, der mittlere ging zum Militär und der dritte wurde Priester. Meinem Vater war die Militärlaufbahn bestimmt, und als er dagegen rebellierte, geriet er in Ungnade. Durch die Ehe mit meiner Mutter verschlechterte sich das Verhältnis noch mehr.

Die beiden lernten sich in der Heimat meiner Mutter, im Bergland, kennen. Mein Vater war begeisterter Kletterer. Die hübsche, lebhafte Wirtstochter im Hochlanddorf gefiel ihm, und er heiratete sie sozusagen vom Fleck weg– trotz des Einspruchs seiner Familie, die ihm die Tochter eines wohlhabenden Nachbarn zugedacht hatte. Sein Entschluß verärgerte seine Eltern so sehr, daß sie ihn völlig abschrieben und er nur noch eine winzige Jahresrente von zweihundert Pfund bekam.

Mein kunstbegeisterter Vater konnte und wußte viel, nur eine Kunst beherrschte er nicht– die des Geldverdienens. Er malte ganz gut, also nicht wirklich gut genug. Gelegentlich verkaufte er ein Bild, und imübrigen arbeitete er als Bergführer. In meinen frühesten Erinnerungen an ihn sehe ich Vater stets mit irgendeiner Gruppe mit Krampen und Seil losziehen– sein Blick strahlend vor Freude, denn Berge und Klettern waren ihm, nach seiner Familie, das liebste.

Ein Träumer und Idealist war er. Mutter sagte oft:»Gut, daß Jane und ich mit beiden Füßen auf der Erde stehen. Unsere Köpfe stecken zwar oft im Derbyshire-Nebel, aber nie in den Wolken.«

Wir liebten ihn beide sehr und er uns auch. Wir seien ein perfektes Trio, meinte er oft. Als einziges Kind erhielt ich die bestmögliche Erziehung, und das hieß für meinen Vater die Schule, an der alle Mädchen seiner Familie ausgebildet worden waren, das Internat Clunton. Auch meine Mutter war ganz dafür, denn ich war eine Lindsay und sollte als eine solche aufwachsen, auch wenn ich nie meinen Fuß in das großväterliche Haus gesetzt hatte.

Ohne finanzielle Sicherheit, dafür aber um so sicherer in unserer Liebe zueinander, lebten wir recht und schlecht von Vaters kleiner Jahresrente und seinen gelegentlichen Einkünften, kämpften uns fröhlich durch– bis zu jenem tragischen Januartag, an dem sich alles mit einem Schlagändern sollte.

Ich hatte noch Ferien und war daheim. Das Wetter war die ganze Zeitüber nicht gut gewesen– selten hatten unsere Berge so drohend gewirkt. Bleigrauer Himmel, eisiger Wind, und dann plötzlich, etwa fünf Stunden nachdem Vater mit seiner Klettergruppe aufgebrochen war, ein Schneesturm. Wenn es jetzt schneit, muß ich immer an jenen schrecklichen Tag denken. Ich kann das grellweiße Licht, das leise Fallen der Flocken nicht mehr ertragen.

Wir waren bald eingeschlossen vom Schnee. Konnten nichts tun als warten und hoffen, daß mein Vater mit seinen Gästen da draußen irgendwie durchkam.

»Er ist so bergerfahren«, meinte Mutter,»ihm passiert bestimmt nichts.«

Sie buk gerade Brot in dem riesigen Backofen neben dem Herd. Der Geruch frischen Brotes ist dadurch für mich auf immer mit jenen tragischen Wartestunden verbunden. Diesem Warten neben der tickenden Großvateruhr– endlosem Warten ...

Als der Sturm endlich nachließ, lagen die Schneewächten hoch auf Wegen und Felswänden. Eine Suchkolonne machte sich auf den Weg. Erst nach einer Woche fand man die Vermißten.

Wir wußten innerlich schon vorher Bescheid, obwohl Mutter noch bis zuletzt daran festhielt, er würde jeden Augenblick auftauchen und uns auslachen, weil wir solche Angst um ihn gehabt hatten.

»Er hat nie nachgegeben«, sagte sie zu mir, während wir vor dem Kaminfeuer saßen, und erzählte mir dann, wie sie einander kennen– und liebengelernt und er seiner Familie getrotzt hatte.

Seiner Familie konnte er trotzen– gegen das Unwetter war aber auch er machtlos. Wir begruben ihn und vier Leute seiner Gruppe. Zwei waren durchgekommen, sie berichteten von den schrecklichen Entbehrungen, dem entsetzlichen Leiden, das sie alle durchgemacht hatten. Eine ganz gewöhnliche, alltägliche Geschichte, wie sie in den Bergen immer wieder passiert.

»Warum müssen Männer auf Berge klettern?« fragte ich zornig.»Warum setzen sie sich sinnlos solchen Gefahren aus?«