: Anne Chaplet
: Doppelte Schuld Kriminalroman
: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
: 9783955302139
: Ermittlerin Katalina Cavic
: 1
: CHF 4.50
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 288
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Mary Nowak legte die Zeitung zur Seite. Sie hatte den Toten sofort wiedererkannt: Benjamin Dimitroff. Vor 17 Jahren hatte sie ihn das letzte Mal gesehen, kurz nach der Wende. Nun war er im Schlosspark von Blanckenburg gefunden worden. Was steckte dahinter? Der lange Arm der Firma? Hatten die alten Kader einen ehemaligen Mitarbeiter aus dem Weg räumen lassen? Und war es weise von Mary Nowak, sich nach über 50 Jahren ausgerechnet hierhin, nach Schloss Blanckenburg, locken zu lassen, an einenOrt der Erinnerungen? Am liebsten wäre sie sofort wieder verschwunden. Aber man hatte sie in der Nähe der Leiche gesehen, Blanckenburgs TierärztinKatalina Cavic hatte sie beobachtet. Doch Katalina schien der Polizei nichts von ihrer Beobachtung mitteilen zu wollen ... »Doppelte Schuld« ist der zweite Fall für die Tierärztin Katalina Cavic, die bereits in Ann Chaplets Roman 'Russisch Blut' die Leser faszinierte. Auch hier wird ein brisantes Kapitel der deutsch-deutschen Geschichte erzählt. Einmal mehr packend und höchst authentisch verwebt Anne Chaplet das Geheimnis um die verschwundenen SED-Millionen mit dem Schicksal einer Spionin im aus Kalten Krieg und der Lösung eines mysteriösen Mordfalls.

Anne Chaplet ist ein Pseudonym von Cora Stephan. Unter diesem Pseudonym veröffentlich die Autorin Kriminalromane.

Vol de Nuit


1


Kühl war es geworden in den letzten Tagen. Katalina blinzelte in die altersmilde Morgensonne und dachte an Herbst und Abschied. Es wurde Zeit, Blanckenburg zu verlassen. Höchste Zeit.

Sie ließ Zeus von der Leine und folgte ihm in den Schlosspark. Der Hund schnürte im Zickzack über den Weg, die Nase hier und dort im Gestrüpp am Wegesrand, über dem sich die Zweige der Wildrosen unter der Last dunkelroter Hagebutten bogen. Es roch nach feuchtem Waldboden unter dem Blätterdach der verschorften und zerborstenen Baumveteranen. Das würde sie am meisten vermissen: die Spaziergänge morgens und manchmal noch spätabends durch den Park.

Doch sie war nicht wegen der Naturschönheiten geblieben. So lange. So viel länger als üblich.

Zu lange.

Der Weg führte immer tiefer hinein in ein ungeordnetes Stilleben von Baumriesen. Ein Schwarm von Herbstfliegen fiel torkelnd über sie her und drehte wieder ab. Katalina ging langsamer, um den Moment auszukosten: Hinter der Wegbiegung traten die zottigen Giganten unverhofft zurück und der Blick öffnete sich auf eine weite Wiesenfläche, hinter der es in die Tiefe ging. Schloss Blanckenburg und sein Park lagen auf einem Felsen hoch über der Stadt, von hier aus überblickte man die Landschaft bis zum Horizont. Und am Horizont hockte der Harz mit dem sagenumwobenen Brocken, auf dem sich die Hexen zur Walpurgisnacht trafen.

Zeus, der von einer verlockenden Fährte im Park aufgehalten worden war, stürmte heran, an ihr vorbei und hinaus auf das lichte Plateau. Katalina folgte langsamer, setzte die Füße fast liebevoll in die Rasendaunen. Dieser Platz war wie geschaffen für Brockengeister und ihre Tänze. Sie bekreuzigte sich gegen den Zauber dieser ketzerischen Vorstellung. Schließlich hatte es hier nicht immer einfach nur eine ebene Rasenfläche gegeben. Bis kurz nach dem Krieg erhob sich an diesem Ort eine Kirche, die Schlosskirche von Blanckenburg. Jetzt lagen deren zertrümmerte Überreste unter dem Rasen, meterhoch aufgeschichtet über der Krypta und den Sarkophagen mit den Toten.

Katalina zögerte. Noch immer schreckte sie die Vorstellung, über Gräber zu gehen; insbesondere über diese uralte Grabkammer. Sie machte einen Schritt zur Seite. Die Krypta gab es noch und es gab auch einen Weg hinein – man musste ihn nur kennen.

Zeus hielt sich jetzt neben ihr, während sie weiterging. Als im Sommer 1945 die Kirche gesprengt und der Boden planiert wurde, hatte man ein paar uralte Steine vom ehemaligen Friedhof stehengelassen. Wenigstens sie erinnerten noch an eine Vergangenheit, die zurückreichte bis ins 12. Jahrhundert. Fast achthundert Jahre. Unvorstellbar.

Katalina hatte sich angewöhnt, die Worte ihrer Großmutter zu murmeln, wenn sie sich den verwitterten Grabsteinen näherte. Großmutter pflegte beim Anblick eines Grabes stets höheren Schutz anzurufen. Wenn sie noch gelebt hätte, als Jugoslawien auseinanderbrach, beim gegenseitigen Schlachten und Morden, beim Verscharren der Leichen in Massengräbern – wenn sie das noch erlebt hätte, w