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Er überfiel sie jeden Sonntagnachmittag aufs Neue: der ›sunday afternoon blues‹. Dieses nagende Gefühl der Einsamkeit. Die Wochenendausgaben der FAZ und der Süddeutschen waren gelesen, das Frühstücksgeschirr weggeräumt, die nächste Verabredung erst am Abend. Kara Oswald tigerte durch das plötzlich so große und leere Appartement. Es war 14 Uhr, und es gab niemanden, den sie um diese Zeit anrufen konnte. Die Freunde, die verheiratet waren, kümmerten sich um Kind und Kegel. Die Singles tauchten gerade aus den alkoholisierten Umarmungen der ›last night stands‹ auf. Ihre eigene Familie war in alle Welt verstreut. Die Tochter im Internat, der Vater mit seiner neuen Liebe auf Weltreise, und zu keinem ihrer Ex-Ehemänner gab es besonders herzliche Kontakte. Ihren letzten Lover, einen sanftmütigen Versager, hatte sie an ihre Freundin Antonia Salbach abgetreten, und der gegenwärtige, ein manisch-depressiver Bildhauer, erpresste sie ständig emotional. Die Stunden zwischen zwei und sieben Uhr schienen vom Teufel gemacht. Alte Ängste krochen wie Kröten übers Gemüt. Beginnende Depressionen hatten den besten Nährboden.
Die Situation bei TV6, dem Sender, bei dem Kara als Programmchefin engagiert war, machte ihr zu schaffen. Die Zahlen waren seit ein paar Wochen ein Horror, und ob ihre Idee einer neuen Show, die sie gleich am Montag Horst Köhler, ihrem Partner in der Geschäftsführung vortragen wollte, wirklich der dringend benötigte Hit war – Kara wusste es nicht. Seit Wochen wachte sie schweißgebadet auf. Es war immer der gleiche Alptraum. Wie eine Kriminelle war sie entdeckt worden. Sie stand vor einem Gericht, und alle ihre Fehler wurden aufgezählt. Es waren schrecklich viele. Immer wieder versuchte sie etwas zu ihrer Verteidigung zu sagen. Die Richter ließen sie nicht. Dann sprach einer das Urteil. »Sie sind«, sagte der Mann im Traum, »eine Hochstaplerin. Sie haben Fähigkeiten vorgetäuscht, die Sie nicht besitzen. Sie sind ein Nichts. Eine Versagerin!« Mein Gott, dachte Kara im Traum, jetzt wissen es alle. Jetzt wissen alle, dass ich immer nur geblendet habe. Dass ich tatsächlich eine Falschspielerin bin. Sie schämte sich, und die Gewissheit, nicht mehr geliebt und bewundert zu werden, setzte ihr schmerzlich zu. Das war stets die Stelle, an der sie aufwachte. Sie lag dann den Rest der Nacht wach. Fragte sich, wovor sie solche Angst hatte. Ob sie tatsächlich nur täuschte und trickste. Ob es nur Glück gewesen war, dass sie in ihrem Job so hoch gekommen war. Unheimliches Glück. Und dass nun eben dieses Glück sie verlassen hatte. Sich anderen zuwandte.
»Ich muss raus aus dieser Depression«, sagte sie halblaut vor sich hin. Sie probierte es mit Atemübungen. Nach ein paar Versuchen gab sie auch das auf. Ihr Kopf schien zerspringen zu w