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Cassidys Arzt, ein weltmännischer grauhaariger Herr Mitte Fünfzig, begrüßte mich kurz, bat mich zu warten und ging dann hinaus, um sich mit dem zuständigen Arzt des Krankenhauses zu besprechen. Eine halbe Stunde später kam er zurück und ersuchte mich, imÄrztezimmer eine Tasse Kaffee mit ihm zu trinken. Er bekundete sein Beileid – eine Reihe nichtssagender Worte.
»… Diese plötzlichen Zusammenbrüche treten bei Patienten im letzten Stadium nicht selten auf. Offen gesagt, ich binüberrascht, daß der Mann noch so lange auf den Beinen geblieben ist. Er war von Metastasen förmlich durchsetzt. Die Leber- und Nierenfunktion war auf ein Minimum zurückgegangen. Ich würde sagen, für ihn war es eine Erlösung … Hinsichtlich des Totenscheins bestehen keine Probleme. Ich habe alle Röntgenaufnahmen und die Berichte von Sloan-Kettering gesehen. Ich habe ihn lange genug behandelt, um den Schein ohne Bedenken auszustellen. Sie können ihn draußen abholen, bevor Sie gehen, und gleichzeitig dieÜbernahme seiner persönlichen Habe bescheinigen … Er sagte mir, Sie seien sein Testamentsvollstrecker. Ich nehme an, Sie werden die Regierung unterrichten und Vorsorge für die Beisetzungsfeierlichkeiten treffen … Soviel ich weiß, haben Sie Marian nie kennengelernt … Ich werde ihr die Nachrichtübermitteln. Sie ist natürlich darauf vorbereitet, aber sie wird jemanden brauchen, der ihr die Hand hält. Sie und Cassidy waren sehr eng befreundet, sehr eng … Schön, wenn es sonst nichts mehr gibt, Mr. Gregory, mache ich mich auf den Weg. Hier ist meine Karte, falls es noch irgendwelche Rückfragen gibt, was ich jedoch nicht annehme. Mein Beileid auch an Ihre Frau. Versuchen Sie ihr zu erklären, daß es eine Erlösung war … Gute Nacht.«
»Gute Nacht, Doktor.«
Und gute Nacht auch dir, Charles Parnell Cassidy, der du jetzt kalt und bleich auf der Totenbahre liegst … Jetzt bin ich der Hüter dessen, was man deine Hinterlassenschaft nennt: deiner Frau, deiner Tochter, der Enkelkinder, die du nie anerkannt hast, und aller Geheimnisse, die in jener Aktentasche verschlossen sind, die du unter meinen Schreibtisch geschoben hast …
Es war halb zwei Uhr morgens, als ich nach Hause zurückkehrte. Kaum war ich eingetreten, kam Pat mir schon entgegen.»Er ist tot, nicht wahr? Er lag schon im Sterben, als er das Haus verließ. Ich wollte bei ihm sein, aber er ließ es nicht zu!«
Ich wollte sie in die Arme nehmen, aber sie stieß mich von sich.»Rühr mich nicht an! Noch nicht … Bitte, Martin!«
Ich war verblüfft. In all den Jahren unserer Ehe hatte keiner von uns jemals eine Liebkosung des anderen zurückgewiesen. Dann beschlich mich plötzlich eine unerklärliche Angst. Es war, als ob sich Cassidys unversöhnlicher Geist im Körper seiner Tochter verschanzt hätte und mich aus ihren tränenlosen Augen und ihren zusammengekniffenen, blassen Lippen zur Rechenschaft zog. Diesmal jedoch war ich nicht in der Lage zu kämpfen. Ich fand, daß wir beide jetzt einen Drink gebrauchen konnten.
Sie goß mir einen steifen Whiskey ein und sich selbst ein Glas Mineralwasser. Wir tranken uns nicht zu. Der Whiskey brannte mir in der Kehle. Dannäußerte Pat eine Entschuldigung, die so unpersönlich und reserviert klang, daß sie mehr schmerzte als die Zurückweisung.
»Ich will dich nicht verletzen, Martin. Wirklich nicht. Ich liebe dich, aber das gehört jetzt nicht hierher … Ich fühle mich von dir bedroht …«
»Das glaubst du doch selbst nicht!«
»Es ist aber so. Heute abend beim Essen hast du dich ehrlich bemüht, zivilisiert und mitfühlend zu sein, aber du warst genauso unnachgiebig wie mein Vater. Ich glaubte, einem Kampf auf Leben und Tod zwischen zwei Besessenen zuzuschauen.«
»Und aus diesem Grund kannst du nicht ertragen, daß ich dich berühre? – Du gibst mir die Schuld am Tod deines Vaters?«
»Nein, es ist etwas anderes.« Sie sprach in monotonem Tonfall weiter.»Ich komme mir wie ein Objekt vor, das ewig zwischen euch beiden hin- und hergeschoben wird. Ich halte es nicht mehr aus.«
»Liebling, bitte! Das bist nicht du. Hier spricht eine Frau, die unter Schock steht. Noch vor zwei Stunden war dein Vater am Leben. Jetzt ist er tot. Er starb neben mir im Auto – und ich konnte nichts anderes tun, als schneller zu fahren … Jetzt muß ich alles Notwendige veranlassen, damit seine Kollegen verständigt werden. Das hilft mir, aber du mußt dir von mir helfen lassen. Schließ dich nicht ein. Du brauchst …«
»Ich brauche gar nichts – außer meinen eigenen Freiraum.«
»Den hast du doch … du hast ihn immer gehabt.«
»Ich weiß.« Die Worte klangen irgendwie abschließend.»Ich mache mir Sorgen um Mutter. Sie darf nicht aus der Zeitung davon erfahren.«
»Ich werde gleich morgen früh unsere Botschaft in Paris anrufen. Sie wird versuchen, Mutter durch die französische Polizei ausfindig machen zu lassen … Warum gehst du nicht ins Bett? Ich komme hinauf, mummle dich ein und gebe dir eine Schlaftablette.«
»Mach dir um mich keine Sorgen. Du hast jetzt genug um die Ohren. Versuch nur, mich nicht zu sehr zu hassen.« Ich streckte meinen Arm aus, um sie zu einem Gutenachtkuß an mich zu ziehen. Sie berührte meine Handfläche ganz leicht mit ihren Fingerspitzen und ging. Ich machte keine Anstalten, sie zum Bleiben zu bewegen. Ich war froh, allein zu sein und mich gegen das Neue zu wappnen, das in mein Haus eingezogen war.
Ich schloß mich in mein Arbeitszimmer ein und telefonierte mit Sydney, Australien. Cassidys Amtsnachfolger, der Stellvertretende Premierminister, war gerade beim Mittagessen. Seine Sekretärin wollte ihn nicht stören. Ein paar unmißverständliche Worteüberzeugten sie, daß sie es doch tun solle. Ich wurde mit dem Speisesaal des Kabinetts v