: Morris L. West
: Des Teufels Advokat
: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
: 9783955302467
: 1
: CHF 3.60
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: Spannung
: German
: 288
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Große Kino-Verfilmung mit John Mills, Stéphane Audran und Raf Vallone! Aus Gemello Minore, einem Dorf in der süditalienischen Provinz Kalabrien, dringen zum Vatikan Gerüchte über einen sonderbaren Kult: Gläubige pilgern zum Grab Giacomo Nerones, eines Mannes, der als Deserteur 1944 von den Partisanen erschossen wurde. Vor seiner Hinrichtung soll Giacomo ein Dorf vor der Verwüstung durch die deutschen Truppen gerettet und wahre Wunder vollbracht haben. Die einheimische Bevölkerung verehrt diesen geheimnisumwitterten Mann seither als Märtyrer und strebt seine Seligsprechung an. Der Bischof der Region bittet den Vatikan, dringend Licht in die rätselhaften Vorgänge zu bringen. Also überträgt man schließlich dem englischen Monsignore Blaise Meredith, der todkrank ist und nur noch wenige Monate zu leben hat, die Aufgabe des Advocatus Diaboli - als des Teufels Anwalt hat er alle Argumente zu sammeln, die gegen eine eventuelle Seligsprechung vorgebracht werden können. Nur zögerlich entschleiert sich die Wahrheit vor Meredith, der in diesen Tagen tiefere Einblicke in die Menschen gewinnt, als er sich das am Ende seines Lebens gewünscht hätte...

Morris Langlo West wurde 1916 in St. Kilda, Australien geboren. Mit 14 Jahren trat er in den Orden der Christian Brothers ein, der Katholizismus beeinflusste West nachhaltig. 1937 schloss er sein Studium an der University of Melbourne ab und unterrichtete anschließend moderne Sprachen und Mathematik an den Klosterschulen des Ordens in New South Wales. 1942 verließ er den Orden und kämpfte etwa zu dieser Zeit auch im Zweiten Weltkrieg, bis er 1943 Sekretät des früheren australischen Premierministers, Billy Hughes, wurde. Während seiner Zeit bei der Armee schrieb er ein Buch über sein Leben im Kloster, das er 1945 unter dem Pseudonym Julian Morris veröffentlichte. Etwa zur Zeit des Kriegsendes arbeitete er für den australischen Rundfunk, nachdem er jedoch wegen eines Zusammenbruchs ein Jahr im Krankenhaus gelegen hatte, verkaufte er sein Unternehmen und arbeitete fortan ausschließlich als Schriftsteller. Sein erster Gedichtband erschien 1955, gefolgt von den erfolgreichen Romanen 'Gallows on the Sand' im selben Jahr und 'Kundu' ein Jahr später. Mit dem Geld, das er mit den Romanen verdiente, reiste er ins Ausland und lebte einige Zeit in Österreich, Italien, England und den USA. Viele seiner Bücher sind von seiner Zeit in Italien inspiriert. Erst 1980 kehrte er nach Australien zurück. Wests Bekanntheit wurde durch einige Verfilmungen seiner Bücher noch gesteigert. Viele seiner Werke behandeln ethisch-religiöse Konflikte oder haben politische Brisanz. Am 9. Oktober 1999 starb Morris West in Sydney.

Es gehörte zu seinem Beruf, andere auf den Tod vorzubereiten. Er war entsetzt, als er merkte, daß er selber so gar nicht auf seinen eigenen Tod vorbereitet war.

Er war ein vernünftiger Mann, und die Vernunft sagte ihm, daß dem Menschen das Todesurteil schon am Tage seiner Geburt in der Hand geschrieben steht. Er war ein kaltsinniger Mann, von Leidenschaften kaum berührt, durch die Gebote der Disziplin in keiner Weise belastet, aber sein erster Impuls war das wilde Verlangen gewesen, sich an die Illusion der Unsterblichkeit zu klammern.

Eigentlich erfordert es die Würde des Todes, daß er unangekündigt, mit verhangenem Antlitz und verborgenen Händen erscheine, zu einer Stunde, da man ihn am allerwenigsten erwartet. Langsam sollte er kommen, auf leisen Sohlen wie sein Bruder, der Schlaf – oder rasch und heftig wie die Erfüllung des Liebesakts –, damit der Augenblick des Untergangs still und gesättigt sei und nicht eine gewaltsame Trennung von Seele und Leib.

Die Würde des Todes. Sie erhofft sich der Mensch in dunkler Ahnung, sie erfleht er vom Himmel, wenn er geneigt ist zu beten, ihr trauert er bitterlich nach, wenn er weiß, daß sie ihm nicht vergönnt sein wird. Diese dumpfe Trauer empfand Blaise Meredith nun, als er in der matten Frühlingssonne saß und den langsamen Zug der Schwäne auf dem Serpentine-Teich betrachtete, die verliebten Paare auf dem Rasen, die an die Leine gelegten Pudel, die geziert hinter den kokett flatternden Röcken ihrer Besitzerinnen dahintänzelten.

Inmitten dieser Lebensfülle – sprießendes Gras, von frischen Säften schwellende Bäume, nickender Krokus und schaukelnde Narzissen, lässige Liebelei der Jugend, kräftiger Schritt der promenierenden alten Herren – schien er allein vom Tode gezeichnet. Das kategorische und unausweichliche Gebot war nicht mißzuverstehen. Man konnte es zwar nicht in den Handlinien lesen, aber wer Augen hatte, sah es auf dem viereckigen fotografischen Negativ, auf dem ein kleiner grauer Fleck das Urteil sprach.

«Karzinom.» Der breite Finger des Chirurgen hatte einen Augenblick lang das Zentrum des grauen Flecks berührt und dann die äußeren Konturen des Tumors umrissen.

«Langsam wachsend, aber ziemlich entwickelt. Ich habe zu viele solche Fälle gesehen, ich irre mich nicht.»

Während er den kleinen, durchsichtigen Schirm und den spatelförmigen, dahingleitenden Finger beobachtete, kam Blaise Meredith die Ironie der Situation zu Bewußtsein. Sein ganzes Leben hatte er damit verbracht, anderen Menschen die Wahrheit über ihre Person vor Augen zu führen, die quälende Schuld, die erniedrigenden Begierden, die lähmenden Torheiten. Nun blickte er in seine eigenen Eingeweide, wo ein kleines, bösartiges Gewächs wie eine Alraunwurzel dem Tag entgegenwucherte, da es ihn vernichten würde.

Er fragte ziemlich gelassen:

«Ist eine Operation möglich?»

Der Chirurg knipste das Licht hinter dem Bildschirm aus, der kleine graue Tod wurde unsichtbar. Dann setzte er sich, rückte die Tischlampe so zurecht, daß sein eigenes Gesicht im Schatten lag und das seines Patienten voll beleuchtet war.

Blaise Meredith bemerkte den kleinen Trick und konnte ihn verstehen. Ihre Berufe ähnelten einander. Jeder hatte es, auf seinem Gebiet, mit menschlichen Wesen zu tun. Jeder mußte eine gewisse klinische Kälte bewahren, um sich nicht selber allzusehr preiszugeben und ebenso schwach und ängstlich zu werden wie die Patienten.

Der Chirurg lehnte sich in seinen Sessel zurück, griff nach einem Papiermesser und balancierte es elegant wie ein Skalpell. Er wartete eine Weile, sammelte seine Worte, wählte dieses, schob jenes beiseite und ordnete sie dann zu einem peinlich genauen Muster.

«Ja, ich kann Sie operieren. Dann sind Sie in drei Monaten tot.»

«Und wenn Sie nicht operieren?»

«Dann werden Sie etwas länger leben und schmerzhafter sterben.»

«Wie lange?»

«Sechs Monate. Im äußersten Fall zwölf.»

«Das ist eine bittere Wahl.»

«Sie bleibt Ihnen überlassen.»

«Das ist mir klar.»

Der Chirurg setzte sich bequemer zurecht. Jetzt war das Schlimmste vorbei. Er hatte sich in diesem Manne nicht getäuscht. Der Mann war klug, gefaßt, ein asketischer Typ. Er wird den Schock überwinden und sich in das Unvermeidliche fügen. Wenn die Agonie beginnt, wird er sie mit einer gewissen Würde ertragen. Seine Kirche wird ihn vor Entbehrungen schützen und ihn nach seinem Tode mit allen Ehren begraben, und wenn niemand ihm nachtrauert, könnte man auch das als den letzten Lohn des Zölibats bezeichnen: sich aus dem Leben wegzuschleichen, ohne seine Freuden vermissen oder unerfüllte Pf