DER WITWENSITZ
Daß mich ein Geheimnis umgab, merkte ich bereits in meiner Kindheit. Sehr früh stellte sich bei mir schon das Gefühl ein, nicht dazuzugehören, und es sollte mir treu bleiben. Ich unterschied mich von den anderen auf dem Witwensitz. Gern ging ich zu dem Bach hinunter, der zwischen unserem Wohnsitz und Oakland Hall verlief, und starrte in sein glasklares Wasser, als hoffte ich, dort die Antwort zu finden. Daß ich gerade eine bestimmte Stelle dazu aussuchte, war wohl irgendwie bedeutungsvoll. Maddy, unser Mädchen für alles, das teilweise auch mich betreute, entdeckte mich einmal dort, und das Entsetzen in ihren Augen konnte ich lange nicht vergessen.
»Warum kommen Sie denn ausgerechnet an diesen Platz, Miß Jessica?« rief sie.»Wenn Miß Miriam das wüßte, würde sie es Ihnen streng verbieten!« Schon wieder ein Geheimnis! Was hatte sie gegen das Bächlein und die hübsche Brücke, die darüberging? Mir gefiel die Stelle besonders gut, weil man von hier aus gut die grauen Mauern von Oakland Hall betrachten konnte, die sich drüben so majestätisch erhoben.
»Mir gefällt es eben hier«, sagte ich widerspenstig. Und da verbotene Früchte mir wohl noch süßer schmeckten als irgend jemandem sonst, ging ich um soöfter hin, seit ich wußte, daß es einen Grund gab, warum ich nicht dort sitzen sollte.
Immer wieder mahnte mich Maddy, es nicht zu tun. Und ich wollte natürlich wissen, warum. Das warüberhaupt ein Charakteristikum an mir, und Maddy nannte mich deshalb auch»kleine Miß Warum-Wo-und-Was«.
»Geradezu krankhaft ist es!« schalt sie.»Das haben Mr. Xavier und Miß Miriam auch gesagt. Krankhaft!«
»Warum?«
»Da hat man’s wieder«, seufzte Maddy.»Es ist eben so.Darum– und gehen Sie nicht dauernd dorthin.«
»Ist die Stelle vielleicht verwünscht?«
»Ja, das mag wohl sein.«
Was konnte es hier für eine Gefahr geben, fragte ich mich. Außer bei schweren Regenfällen war das Wässerchen ganz flach und so klar, daß ich die Kiesel auf dem braunen Boden erkennen konnte. Eine Trauerweide hingüber das gegenüberliegende Ufer. Trauerte sie um jemanden? War dies das Krankhafte?
So kam ich also immer wieder zum Bach und träumte dort, vor allemüber mich selbst, und das Hauptthema war stets: Irgendwie gehörst du nicht zu denen auf dem Witwensitz. Nicht, daß es mich gestört hätte. Ichwar anders und wollte auch anders sein. Schon mein Name war anders. Ich hieß ja in Wirklichkeit Opal– Opal Jessica–, undüberlegte oft, wie meine Mutter wohl dazu gekommen war, mir einen so seltsamen Namen zu geben, denn zu Seltsamkeiten dieser Art neigte sie eigentlich nicht. Mein armer trauriger Vater hatte bestimmt nichts damit zu tun; eine Wolkeüberschattete ihn stets, und manchmal meinte ich, daß sie auchüber mir hinge.
»Opal« wurde ich nie gerufen. Daher nannte ich mich in Selbstgesprächen manchmal so, und ich führte oft Selbstgespräche. Wahrscheinlich, weil ich so viel allein war. Und dadurch wurde ich mir auch der geheimnisvollen Aura um mich herum bewußt, die mich wie ein Nebel umgab, den ich nicht sehen konnte. Maddy brachte manchmal ein bißchen Licht in die Düsterkeit, aber es war nur ein schwacher Schimmer, der dann alles noch viel schwerer erkennbar machte.
Da besaß ich also einen Namen, bei dem mich niemand rief. Warum hatten sie ihn mir gegeben, wenn sie ihn gar nicht anwenden wollten? Meine Mutter kam mir sehr alt vor. Sie war offenbar schonüber vierzig, als sie mich zur Welt brachte. Meine Schwester Miriam war fünfzehn Jahreälter als ich, und mein Bruder Xavier hatte mir fast zwanzig Jahre voraus. Wie Bruder und Schwester kamen sie mir nie vor. Miriam spielte meine Gouvernante, da wir zu arm waren, um uns eine zu leisten.Überhaupt war Armut das unerbittliche Thema in unserem Haushalt. Unzählige Male hörte ich, was wir in der Vergangenheit besessen hatten und jetzt nicht mehr besaßen, wie wir herabgesunken waren vomäußersten Luxus auf das, was meine Mutter»bitterste Armut« nannte.
Wenn sie anfing, von besseren Tagen zu sprechen– jenen Tagen, da sie von Dienern umgeben waren und glänzende Bälle sich mit eleganten Banketten abgewechselt hatten–, zuckte mein Vater stets zusammen. Zu essen hatten wir allerdings immer genug auf dem Witwensitz; und der Gärtner Jarman bearbeitete den Garten, Mrs. Cobb kochte, und Maddy kümmerte sich um alles andere. Ganz ohne Geld standen wir also nicht da. Da meine Mutter unsere Armut immer soübertrieb, meinte ich, vielleichtübertreibe sie genauso bei den verlorenen Reichtümern, und bezweifelte, daß die Bälle und Bankette wirklich so grandios gewesen waren, wie sie es beschrieb.
Mit etwa zehn Jahren sollte ich eine wichtige Entdeckung machen. Auf Oakland Hall wurde eine Gesellschaft gegeben. Man hörte von drüben die lauten Stimmen der Gäste. Von meinem Fenster aus hatte ich bemerkt, daß sie mit den Hunden zur Jagd ausritten. Wenn sie mich doch nur einmal einladen würden! Ich wollte so gern das große Haus von innen sehen. Gewiß, im Winter, wenn die nacktenÄste der Eichen es nicht mehr völlig verbargen, konnte ich von meiner Seite des Baches aus etwas erkennen, aberüber die Mauern hinaus ging mein Blick nicht; und die faszinierten mich schon ungemein. Eine lange Auffahrt schlängelte sich zum Haus hinauf. Ich hatte mir fest vorgenommen, eines Tages den Bach zuüberqueren und einfach hinzumarschieren.
An jenem Morgen gab mir Miriam gerade Unterricht. Als Lehrerin entwickelte sie keine besondere Befähigung und zeigte oft große Ungeduld mit mir. Sie war eine großgewachsene, blasse junge Frau. Ich war zehn, sie mußte also fünfundzwanzig sein. Die Unzufriedenheit stand ihr ins Gesicht geschrieben– wie allen bei uns, die jen