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Während der Wagenüber den von Karrenrädern zerfurchten Fahrweg holperte, musste Jessie die Zähne fest zusammenbeißen, damit sie ihr nicht im Mund klapperten. Wäre sie als Kuh auf die Welt gekommen, hätte sie jetzt schon Butter in ihrem Euter. Man sollte doch erwarten können, dass eine Chaussee, die immerhin zur Hauptstadt der Vereinigten Staaten von Amerika führte, anständig gepflegt würde. Als sie Mr. Bump fragte, ob es nicht eine bessere Straße nach Washington gebe, grinste er nur, entblößte dabei seine verbliebenen fünf oder sechs Zähne– von denen zwei damit beschäftigt waren, seine Pfeife umklammert zu halten– und sagte:»Wieso, Missie? Das hierist eine gute Straße. Sie sehen doch, wohin sie führt, oder? Nein, besser wird die nicht mehr, bis wir die Mautstrecke erreichen. Halten Sie sich nur ordentlich fest, und wir bringen Sie schon zu Ihrem Ziel… und zwar unversehrt.« Dabei gluckste er vor Vergnügen.
Mr. Bump war ein Farmer aus Maryland, der sich auf dem Weg nach Washington befand, um dort sein Geflügel zu verkaufen– eine Wagenladung schnatternder Enten und gackernder Hühner. Er hatte Jessie in der Nähe von Baltimore wie eine Landstreicherin am Wegesrand aufgelesen, als sie sich gerade fragte, wie sie es bloß jemals bis nach Washington schaffen sollte. Nachdem sie in Albany von Bord der Fähre gegangen war, hatte sie fast kein Geld mehrübriggehabt, und von irgendetwas musste sie ja schließlich noch ihr Essen und ihre Unterkunft bestreiten.
Also war sie marschiert und marschiert; ab und zu hatte sich irgendein grinsender Lümmel von seinem Wagen oder seinem Maultier zu ihr herabgebeugt und sie gefragt, ob sie bei ihm aufspringen wolle. Diese Männer waren ihr nicht geheuer vorgekommen; sie hielten sie wohl für ein hergelaufenes Bauerntrampel und lagen damit vielleicht auch gar nicht so verkehrt, doch dumm war sie deshalb noch lange nicht! Also hatte sie darauf geachtet, dass ihre Antwort stets höflich ausfiel, aber es blieb jedes Mal bei einem»Vielen Dank, nein«, obwohl sie sich, als die Frühjahrssonne heißer vom Himmel brannte, der Staub ihr in die Kehle drang und die Stiefel ihre kleinen Zehen drückten, wünschte, sie hätte das Angebot angenommen. Ihre große Reisetasche kam ihr immer schwerer vor, und als sie gerade befürchtete, sie könne keinen einzigen Schritt mehr weitergehen, hatte neben ihr ein alter Bauernwagen mit einer Negerfamilie darauf gehalten. Jessie vermutete jedenfalls, dass es sich um eine Familie handelte, denn es waren ein Mann, eine Frau und vier oder fünf kichernde Kinder.
»Sie seh’n ja mächtig erledigt aus, Missie«, hatte die Frau gesagt.»Klettern Sie hinten drauf, und wir nehmen Sie so weit mit, wie wir fahren.« Als Jessie zögerte– der Akzent war fremd für ihre Ohren, und sie musste sich die Worte erst im Geisteübersetzen–, fügte die Frau rasch hinzu:»Der Wagen hier ist unser eigener. Wir sind’s freie Neger schon lange, Missie. Wir ham’ nich viel, aber Sie sind’s mächtig willkommen, mit uns zu fahren.«
Also war sie hinten zu den Kindern auf den Wagen gestiegen, die sich gleich dicht um sie scharten und versuchten, ihr rotes Haar und ihre Sommersprossen zu berühren, bis ihre Mutter sie scharf zurechtwies. Jessie ihrerseits betrachtete die braunen Gesichter und stellte voller Bewunderung fest, wie sehr die weißen Zähne im Kontrast zu der dunklen Haut blitzten. Diese Neger sahen ganz anders aus als alle, die sie bisher zu Gesicht bekommen hatte. In Mechanicville gab es keinen einzigen Schwarzen. Einmal hatte sie einen mit dunkelhäutigen Männern beladenen Viehwagen in die bewaldeten Hügel hinauffahren sehen– jemandes Sklaven, die sich ein anderer für Abholzarbeiten ausgeliehen hatte, wie ihr gesagt wurde. Dieser von zwei Pferden gezogene Wagen war mitten durch die Stadt gerumpelt, und alles war stehen geblieben, um ihn und die Dutzende fremdartiger dunkler Gesichter darauf anzustarren. Die Männer hatten allesamt gelächelt; die meisten von ihnen hatten Sitzplätze, aber einige waren aufgestanden, um zu sehen, was es zu schauen gab. Und sie hatten gesungen und in die Hände geklatscht. Das hatte sie nie vergessen– wie ihr Gesang einem in die Füße fuhr und sie aufforderte, mitzutanzen. Sie waren offenbar ausgelassener Stimmung, doch Jessie hatte sich gefragt, wie das denn sein konnte. Sie hatteOnkel Toms Hütte gelesen und sogar eine Bühnenfassung des Buches gesehen, als einmal ein reisendes Theaterensemble im Opernhaus gastierte. Sklaverei war etwas Abscheuliches– es widerspräche der menschlichen Natur, predigten die Pfarrer, wenn ein Mensch einen anderen besäße.
Sofern sie je darüber nachdachte, hatte sie immer geglaubt, alle Schwarzen wären Sklaven. Aber hatte diese Fra