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Der Wind pfiff die Straße entlang und blies Frieda Klein wie aus einem Tunnel entgegen. Es regnete unablässig. Sie wanderte durch die Dunkelheit, weil sie hoffte, dadurch endlich müde zu werden. Um diese Uhrzeit, in den frühen Morgenstunden, wenn auf den Straßen kaum noch jemand unterwegs war und Füchse die Mülltonnen durchwühlten, hatte sie das Gefühl, dass ihr London ganz allein gehörte. Sie erreichte The Strand und wollte gerade die Straße überqueren, um zur Themse zu gelangen, als in ihrer Tasche das Handy zu vibrieren begann. Wer rief sie um diese Zeit an? Sie holte das Telefon heraus und warf einen Blick auf das Display: Yvette Long. Detective Constable Yvette Long.
»Yvette?«
»Es geht um Karlsson.« Yvettes Stimme klang laut und hart. »Ihm ist etwas passiert.«
»Karlsson? Was denn?«
»Ich weiß es nicht genau.« Yvette klang, als müsste sie die Tränen zurückhalten. »Ich habe es soeben erst erfahren. Jemand wurde verhaftet, und Karlsson ist im Krankenhaus. Er wird gerade operiert. Es klingt ernst. Ich musste einfach jemanden anrufen.«
»In welchem Krankenhaus?«
»St. Dunstan’s.«
»Bin schon unterwegs.«
Sie versenkte das Handy wieder in ihrer Tasche. Das St. Dunstan’s lag in Clerkenwell, mindestens anderthalb Kilometer entfernt, vielleicht sogar noch weiter. Frieda rief ein Taxi. Sie starrte aus dem Fenster, bis sie die rußgeschwärzten oberen Stockwerke des Krankenhauses vor sich auftauchen sah. Die Frau am Empfang fand im Computer niemanden mit dem Namen Karlsson.
»Versuchen Sie es in der Notaufnahme.« Die Frau deutete nach rechts. »Auf der anderen Seite des Hofs. Dieser Gang führt direkt hinüber.«
In der Notaufnahme musste Frieda sich am Ende einer Schlange anstellen. Ganz vorne stand ein Mann, der sich gerade erkundigte, warum noch niemand nach seiner Frau gesehen habe. Sie warte schon zwei Stunden, nein, länger als zwei Stunden. Die Empfangsdame erklärte ihm sehr höflich und langsam, dass die wartenden Patienten nach dem Grad der Dringlichkeit behandelt würden. Frieda warf einen Blick auf ihr Handy. Es war inzwischen zwanzig nach vier Uhr morgens.
Wie es aussah, hatte der Mann nicht vor, das Feld zu räumen. Er wiederholte seine Beschwerde in noch lauterem Ton und begann dann eine Diskussion mit einem hinter ihm wartenden Teenager, der einen Trainingsanzug trug und die rechte Hand mit einem