Ein Jungphilosoph im Gewitter
Wir schreiben den zweiten Juli 1505, und die Welt weiß noch nicht, dass gerade das Mittelalter vergeht und die Neuzeit begonnen hat. Ein frischgebackener Magister der Philosophie, 21 Jahre jung, marschiert auf einsamen Wegen in Richtung Erfurt, wo er an der dortigen Universität Philosophie unterrichtet und ein Zweitstudium, Jura, begonnen hat. Er war bei seinen Eltern zu Besuch in Mansfeld, einem kleinen Ort zwischen Magdeburg und Erfurt.
Gleich wird der Blitz neben ihm einschlagen und seinem Leben eine entscheidende Wende geben. Nur zwölf Jahre später wird diese Wende im Leben des Magisters Martin Luder eine weltgeschichtliche Wende einleiten, und Luder wird sich Luther nennen, was von »Eleutherius« kommt und so viel bedeutet wie »der Befreite«. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg.
Erfurt dagegen ist jetzt nahe. Sechs Kilometer noch. Den größten Teil seines rund hundert Kilometer langen Fußmarsches hat der Magister Luder hinter sich. Hundert Kilometer Einsamkeit. Hundert Kilometer über Felder und Wiesen, durch die Hitze des Tages und die Kühle der stockdunklen Nacht. Mühsame Wege durch Brachland und Heidelandschaft, vorbei an unbegradigten Bächen und Flüssen, an Sümpfen, Tümpeln und Weihern, über Berge und durch Täler. Viel Wald. Ab und zu eine dem Wald durch Brandrodung abgetrotzte Lichtung. Hier und da ein Weiler, seltener ein Dorf mit einer Gastwirtschaft, die zum Rasten und Essen und Trinken einlädt, noch seltener eine Ansammlung von Häusern, die man Stadt nennen könnte. Weit und breit nur Natur und Wildnis und Gefahr.
Für die Schönheit der Natur hat der junge Mann keinen Blick, denn darin konnte man umkommen. »Extra muros«, außerhalb der sicheren Stadtmauer, lauern Räuber, wilde Tiere, Geister, Hexen und Dämonen. Daher atmet er auf, als er müde, einsam und gedankenversunken in der Ferne die Stadtmauern von Erfurt erblickt. Aber nun zieht ein Gewitter auf. Wieder so eine Gefahr. Er fürchtet Gewitter. Obwohl er doch studiert hat, glaubt er, dass es bei einem Gewitter Gott ist, der donnert. Oder der Teufel. Jedenfalls eine überirdische, außernatürliche Macht, die strafen oder gar töten will.
Es wird noch zwei Jahrhunderte dauern, bis die Menschheit lernt, dass der Blitz eine natürliche Erscheinung ist, hervorgerufen durch den Zusammenstoß kalter und warmer Luftmassen, die sich elektrisch entladen, und nicht durch den Zorn Gottes. Und es ist dieser mittelalterliche, abergläubische Luther, der ohne eigenes Wollen dem menschlichen Denken einen Weg bahnt, an dessen Ende die »Krücke Gott« als Erklärung für die vielfältigen Erscheinungen der Natur nicht mehr gebraucht wird.
Er selbst bleibt dem Mittelalter verhaftet bis zu seinem Tod. Bis zuletzt ist er von der Vorstellung durchdrungen, dass Gott und der Teufel immer und überall unsichtbar anwesend sind und in das Weltgeschehen und jedes einzelne Leben eingreifen. Deshalb versteht er Blitz und Donner als Sinnbild für Gottes Zorn, aber auch als Warnungen und Drohgebärden, die sich an Einzelne oder Gruppen richten.
Besser so eine Warnung als ewig in der Hölle schmoren – die schlimmste Strafe, vor der sich alle immerzu fürchten. Dass die Guten in den Himmel kommen, die Bösen in die Hölle, und ein großer Teil erst im Fegefeuer für seine Sünden büßen muss, bevor es doch noch den ersehnten Passierschein in den Himmel gibt, glauben zu jener Zeit fast alle. Wer daran zweifelt, tut es heimlich und ist sehr wahrscheinlich ein Fürst, König oder Ka