: Julian Fellowes
: Belgravia (1) - Tanz in die Schlacht 01. Folge
: C. Bertelsmann
: 9783641207243
: Belgravia
: 1
: CHF 0.50
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: Erzählende Literatur
: German
Es beginnt 1815: Auf dem Ball der Duchess of Richmond am Vorabend der Schlacht von Waterloo zeigt sich sehr deutlich, wie verliebt die junge Sophia Trenchard, Tochter eines Geschäftsmanns, in Edmund Bellasis ist, den attraktiven Neffen der Duchess. Aber in den folgenden Wochen tragen sich schreckliche Ereignisse zu.
Julian Fellowes, der Autor von 'Downton Abbey', entführt die Leser ins 19. Jahrhundert. Im Mittelpunkt steht eine unerhörte Liebesgeschichte. Fellowes lässt dabei die Zeit Charles Dickens' lebendig werden, zeigt, wie sich der alte englische Adel und die Händler, die mit der Errichtung des Commonwealth reich und mächtig geworden sind, arrangieren müssen. Dabei ist ganz in der Nähe des Buckingham Palastes das teuerste Viertel Londons, Belgravia, entstanden.



Julian Fellowes wurde 1949 in Ägypten geboren, wuchs in England auf und studierte in Cambridge. Er ist Schauspieler und preisgekrönter Autor von Romanen, Drehbüchern und Theaterstücken; für 'Gosford Park' wurde er mit einem Oscar ausgezeichnet, die Serie 'Downton Abbey' hat ihn weltweit berühmt gemacht. 2009 wurde er in den Adelsstand erhoben. Julian Alexander Kitchener-Fellowes, Baron Fellowes of West Stafford, lebt mit seiner Frau Emma im Südwesten der englischen Grafschaft Dorset.

Tanz in die Schlacht

Die Vergangenheit – wir haben es schon oft gehört – ist ein fernes Land, dort gelten andere Regeln. Das mag zutreffen, ganz augenfällig sogar, was Sitten und Moral angeht, die Rolle der Frau, die Herrschaft der Aristokratie und Millionen Alltagsdinge. Anderes wiederum mutet uns sehr ähnlich an. Ehrgeiz, Neid, Zorn, Habgier, Güte, Selbstlosigkeit und vor allem anderen die Liebe haben Entscheidungen schon immer ebenso machtvoll mitbestimmt wie heute. Diese Geschichte handelt von Menschen, die vor zweihundert Jahren lebten, aber wonach sie sich sehnten, womit sie haderten, die Leidenschaften, die in ihren Herzen wüteten, das alles gleicht nur zu oft den Dramen, die wir in unserer Zeit, auf unsere Art durchleben …

Die Stadt wirkte nicht gerade wie kurz vor Kriegsausbruch, noch weniger wie die Hauptstadt eines Landes, das vor kaum drei Monaten einem Königreich entrissen und einem anderen einverleibt worden war. Im Juni 1815 schien Brüssel ein einziges Fest, die Menschen drängten sich vor den bunten Marktständen, und durch die breiten Avenuen rollten offene, in auffälligen Farben lackierte Kutschen, die ihre Fracht, hochnoble Damen und deren Töchter, zu dringlichen gesellschaftlichen Verpflichtungen beförderten. Niemand hätte vermutet, dass Napoleon Bonaparte auf dem Vormarsch war und jeden Augenblick am Rand der Stadt sein Lager aufschlagen konnte.

Das alles interessierte Sophia Trenchard wenig, als sie sich einen Weg durch die Menge bahnte, mit einer Entschlossenheit, die ihre achtzehn Jahre Lügen strafte. Wie jede wohlerzogene junge Frau, noch dazu, wenn sie sich im Ausland aufhielt, wurde sie von ihrer Zofe begleitet, Jane Croft, mit ihren zweiundzwanzig Jahren ihrer Herrschaft um vier Jahre voraus. Aber wenn man von einer der beiden Frauen behaupten konnte, dass sie die andere vor schmerzhaften Zusammenstößen schützte, dann von Sophia, die sichtlich bereit war, es mit allem aufzunehmen. Sie war hübsch, auf ihre blonde, blauäugige, klassisch englische Art sogar sehr hübsch, aber der überaus scharfe Schnitt ihres Mundes verriet, dass diese junge Dame keine Erlaubnis ihrer Frau Mama einholen würde, um sich in ein Abenteuer zu stürzen. »Ein bisschen Beeilung, bitte, sonst ist er schon beim Lunch, und unser Ausflug war umsonst.« Sie steckte in einer Lebensphase, die fast jeder Mensch durchmachen muss, wenn er die Kindheit hinter sich gelassen hat und in einem Gefühl scheinbarer Reife, unbehelligt von Erfahrungen, alles für möglich hält. So lange jedenfalls, bis er wirklich erwachsen wird und das Leben ihn mit Nachdruck eines Besseren belehrt.

»Ich gehe, so schnell ich kann, Miss«, murmelte Jane, und wie zum Beweis wurde sie von einem vorbeieilenden Husaren zur Seite gestoßen; der Mann blieb nicht einmal stehen, um zu sehen, ob er sie verletzt hatte. »Das ist ja wie auf dem Schlachtfeld hier.« Jane war keine Schönheit wie ihre junge Herrschaft, hatte aber ein lebhaftes, rotbackiges Gesicht mit robusten Zügen und hätte wohl besser aufs Land gepasst als in die Großstadt.

Auf ihre Art war sie sehr resolut, was ihre junge Herrschaft an ihr schätzte. »Nur keine Schwäche vortäuschen.« Sophia hatte ihr Ziel fast erreicht und bog von der Hauptstraße in einen Hof, der einst ein Viehmarkt gewesen sein mochte, nun aber von der Armee als Versorgungslager requiriert worden war. Von großen Wagen wurden Kisten und Säcke abgeladen und in die umgebenden Lagerhäuser geschafft; es herrschte ein ständiges Kommen und Gehen von Offizieren aus jedem Regiment, die sich in Gruppen beratschlagten und zuweilen auch stritten. Die Ankunft einer aparten jungen Frau und ihrer Zofe blieb nicht unbemerkt; die Gespräche ebbten ab, ve