Erben
Caroline Brockenhurst starrte ihre Besucherin an. Sie konnte kaum aufnehmen, was ihr da berichtet wurde. »Ich begreife nicht«, sagte sie schließlich.
Das wunderte Anne nicht. Es war ein großer Brocken, der da geschluckt und verdaut werden musste. Sie hatte nicht wenig darüber nachgedacht, wie sie die Situation am besten erklären sollte, war aber am Ende zu dem Schluss gekommen, dass sie es einfach sagen musste. »Wir wissen jetzt, dass Ihr Sohn vor seinem Tod rechtsgültig mit unserer Tochter Sophia verheiratet war. Charles Pope ist ein ehelicher Sohn und in der Tat keineswegs Charles Pope. Er ist Charles Bellasis, ganz genau gesagt Viscount Bellasis, und der rechtmäßige Erbe seines Großvaters.«
Als James Trenchard an jenem Tag nach Hause gekommen war, platzte er schier vor Freude. Er hielt den Beweis in Händen, auf den er gewartet hatte. Seine Anwälte hatten die Eheschließung gemeldet, und der zuständige Parlamentsausschuss, das Committee of Privileges, hatte sie anerkannt. Der Vorgang würde bis zum Abschluss zwar noch einige Zeit in Anspruch nehmen, aber die Anwälte hatten das Beweismaterial genau geprüft und sahen kein Hindernis. Mit anderen Worten, es war nicht nötig, die Ehe länger geheim zu halten. Anne hatte beschlossen, sofort Lady Brockenhurst zu verständigen. Sie war einfach hinübergegangen und hatte sie alleine vorgefunden. Und jetzt hatte sie ihr die Neuigkeit offenbart.
Caroline saß da wie vom Donner gerührt, während ihr zahllose Gedanken durch den Kopf jagten. Konnte Edmund wirklich geheiratet haben, ohne es ihnen zu sagen? Und dann auch noch die Tochter von Wellingtons Proviantmeister? Erst brodelte Empörung in ihr. Wie hatte das nur geschehen können? So ein raffiniertes kleines Luder! Sophia war hübsch gewesen, so viel hatte ihre Schwester, die Duchess, ihr erzählt, aber was für eine Intrigantin obendrein! Doch dann drang langsam die größere Wahrheit durch. Sie hatten einen rechtmäßigen Erben, sie und Peregrine. Einen fleißigen, begabten und klugen noch dazu. Natürlich müsste er sein Gewerbe sofort aufgeben, aber das würde er sicher tun. Sobald er über die Tatsachen im Bilde wäre. Er könnte seine Fähigkeiten in Lymington oder auf ihren anderen Gütern nutzen. Dann gab es noch die Londoner Immobilien, die seit einem Jahrhundert oder länger nicht mehr in Schuss gehalten wurden. Es warteten so viele Aufgaben auf ihn. Caroline richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Frau, die ihr gegenübersaß. Von Freundschaft konnte man nicht gerade sprechen, selbst jetzt noch nicht, aber es gab zwischen ihnen auch keine Feindseligkeit mehr. Dafür hatten sie zu vieles gemeinsam durchgestanden.
»Und er weiß nichts? Charles, meine ich.«
»Nichts. James wollte erst absolut sichergehen, dass keine Hindernisse auftauchen, die ihn enttäuschen könnten.«
»Ich verstehe. Wir sollten ihm gleich morgen früh eine Nachricht schicken. Kommen Sie doch morgen Abend zum Dinner, dann können wir es ihm gemeinsam erzählen.«
»Was ist mit Lord Brockenhurst? W