Dienstag, 5. August 1975
Die Dame hatte mich aus dem Gleichgewicht gebracht. Mein Sturz ließ sich nicht mehr abwenden. Es war zwecklos, dagegen anzukämpfen. Hart fiel ich auf die blaue Turnmatte. Über mir sah ich das gleichmütige Gesicht meiner Trainingspartnerin. In ihren mandelförmigen Augen spiegelten sich weder Stolz noch Schadenfreude. Fujiko Shimada strahlte eine würdevolle Ruhe aus. Das Getümmel der anderen Judoka um uns herum schien sie nicht wahrzunehmen, ebenso wenig die stickige Luft in der aufgeheizten Sporthalle der Friedrich-Stoltze-Schule. Mit dem weiten Ärmel meiner weißen Robe wischte ich mir den Schweiß von der Stirn. „Wollen wir noch eine Runde wagen, Fräulein Shimada?“
„Mit dem größten Vergnügen, Platow-san.“ Das Lächeln der jungen Japanerin kam direkt aus ihrem Herzen. Fujiko Shimada besuchte den 1. Deutschen Judo Club erst seit zwei Wochen, war aber beileibe keine Anfängerin. Sie trug einen schwarzen Gürtel und bereitete sich auf die Prüfung zum zweiten Meistergrad vor – genau wie ich. Unser gemeinsames Trainingsziel war nicht der einzige Grund, warum ich sie als meine Partnerin gewählt hatte. Ich wollte mit ihr auch den „Ernstfall“ proben, den Angriff durch einen Mann auf der Straße. Meinen ersten „Überfall“ hatte die 1,50 Meter kleine Frau abgewehrt und mich durch einen Fußfeger von den Beinen geholt. Ich nahm mir vor, beim zweiten Mal fester zuzupacken und keine falsche Rücksicht zu üben. Fräulein Shimada mochte wie eine Porzellanpuppe aussehen, doch zerbrechlich war sie keineswegs.
Immer noch lächelnd faltete sie die Hände und verbeugte sich vor mir. Das höfliche Grüßen des Gegners ist eine alte Tradition, Ende des 19. Jahrhunderts eingeführt durch den Meister Kano Jigoro, dem Begründer unseres Sports. Gemäß seiner Lehre, soll sich ein Judo-Schüler nicht nur körperlich, sondern auch geistig und menschlich weiterentwickeln. Ob ich auf diesem Gebiet Fortschritte machte? Ich zweifelte daran. Denn insgeheim ärgerte es mich, dass ich von Fujiko Shimada zu Boden geschickt worden war. In letzter Zeit waren Frauen zum Stolperstein für mich geworden. Genauer gesagt: eine ganz spezielle Frau. Petra Helm, meine ehemalige Verlobte. Mittlerweile war sie eine steckbrieflich gesuchte Terroristin der RAF, beteiligt an mehreren Banküberfällen und der Geiselnahme in der Stockholmer Botschaft. Zwei unschuldige Männer waren dabei erschossen worden. Ob von ihr oder einem fehlgeleiteten Genossen, wusste ich nicht. Bei der Vorstellung, Petra könnte kaltblütig abgedrückt haben, überfielen mich Trauer, Wut und Ekel. Ich stellte mir vor, sie stünde jetzt vor mir. Entschlossen umklammerte ich den Kragen von Fräulein Shimadas Judo-Anzug. Sie packte meine Unterarme und wir verkeilten uns ineinander wie kämpfende Tiger. Mit gesenktem Kopf schob ich sie vor mir her, während ich versuchte, ihr Standbein durch einen Fußtritt zu treffen. Geschmeidig wich sie aus, ohne mich dabei loszulassen.
Sie hing an mir – so wie ich an Petra. Mit Logik ließen sich meine Gefühle für die Staatsfeindin nicht erklären. Nur mit Liebe. Ja, ich liebte Petra Helm. Trotz allem. Zwar längst nicht mehr rosarot wie bei unserer ersten Begegnung vor fünfzehn Jahren in der Tanzstunde, aber dennoch innig und aufrichtig. Ich war sogar bereit, ihre Missetaten zu verzeihen und mit ihr ein neues Leben zu beginnen. Eines Tages, wenn sie ihregerechte Strafe verbüßt haben würde. Viele meiner Kollegen, einschließlich meines Partners Mike Notto, bezeichneten die linksradikalen Anarchisten als dreckige Mörder und zum Abschuss freigegebene Bestien. Ich weigerte mich, Petra so zu sehen. Für mich waren sie und ihre Gefährten mit wild gewordenen Kindern zu vergleichen. Ihr heiliger Zorn richtete sich gegen die Eltern, die „Auschwitz-Generation“. Doch in ihrer berechtigten Empörung über begangenes Unrecht gingen die rebellischen Sprösslinge zu weit. Indem sie sich das Recht herausnahmen, für ihre Überzeugung zu töten, verrieten sie letztendlich ihr eigenes Ideal einer freien und friedlichen Welt. Verdammen konnte ich Petra deswegen nicht. Ihre Methode war verabscheuenswert – mit ihrem Protest stimmte ich überein. Der Geist der braunen Zeit musste endlich aus unseren Amtsstuben, Klassenzimmern und Hörsälen verschwinden. Aber was tat unser Staat? Er konzentrierte sich darauf, Terroristen einzusperren oder gar zu erschießen. Das war leichter, als die gesellschaftlichen Verhältnisse zu ändern und dadurch dem Terrorismus den Nährboden zu entziehen. Freilich durfte ich darüb