Meine Mutter wurde als kleines Mädchen fast entführt. Darum hat sie jetzt Angst, dass mich auch jemand entführen könnte. Was ich persönlich für kompletten Quatsch halte. Warum sollte mich jemand entführen?
Im Gegensatz zu mir war meine Mutter als kleines Mädchen nämlich niedlich. Wie eine Puppe mit feuerroten Haaren, riesigen blauen Augen und ein paar Sommersprossen auf der Stupsnase. Ein süßes, kleines Mädchen, das sogar ich entführt hätte, wenn es irgendwo alleine im Einkaufszentrum rumstehen würde. Meine Mutter sah aus wie ein Wesen vom anderen Stern, wie ein knuffiges Maskottchen, ein Glücksbringer, ein seliger Engel, eine kleine Fee.
Ich hingegen sehe aus wie ein Junge, dessen Eltern ein Hase und ein Schaf sind. Ich habe kurze watteähnliche Haare und große Vorderzähne. Ehrlich! So will kein Mädchen aussehen. Manchmal frage ich mich, ob ich überhaupt Mamas Tochter bin, oder ob siemich vielleicht entführt hat. Kleiner Scherz. Ich sehe ihr überhaupt nicht ähnlich. Sie hat definitiv keine großen Vorderzähne. Und Papa hat auch keine watteähnlichen Haare. Er hat überhaupt keine Haare, weil die ihm schon alle ausgefallen sind. Bei Papa müssen wir uns also auch keine Sorgen machen, dass er entführt werden könnte. Kleiner Scherz.
Im Übrigen haben wir momentan kein Fitzelchen Geld, weswegen es sich sowieso nicht lohnen würde, einen von uns zu kidnappen, um den Rest von uns zu erpressen. »Wir sind richtig abgebrannt«, sagt Papa mindestens einmal am Tag. Weil wir gerade umgezogen sind. Aus unserer Stadtwohnung, in dieses frisch renovierte Reihenhaus am Stadtrand. Mama und Papa wollten dringend einen Garten mit Goldfischteich und Trampolin für mich. Jetzt habe ich zwar ein Trampolin, aber niemanden, mit dem ich darauf herumhüpfen kann. Obwohl meinen Eltern dieses Wohnviertel vom Immobilienmakler als beliebte Familiengegend angepriesen wurde, vegetieren hier nur über Hundertjährige vor sich hin. Ich wusste gar nicht, dass es so viele alte Menschen in Deutschland gibt. Es ist echt erschreckend. Mit denen will ich lieber nicht auf dem Trampolin herumtollen. Das würden die nicht überleben. Und das ist kein Scherz!
Immer wenn ich – wie jetzt auch – aus meinem neuen Zimmerfenster hinüber zu diesem verlassenen Herrenhaus auf dem grasbewachsenen Hügel hinter den Reihenhäusern gucke, schlurfen irgendwelche uralten Menschen vor unserem Haus entlang. Als wären meine Familie und ich auf dem Alte-Leute-Planeten gelandet.
In der Stadt wohnte meine beste Freundin Alice genau in der Wohnung gegenüber. Ich konnte jederzeit zu ihr rübergehen, ohne dass Mama Panik haben musste, dass ich auf dem Weg über den Hausflur entführt werde. Jetzt ist ein anderes Mädchen in unsere ehemalige Wohnung gezogen: Estelle! Der Name sagt schon alles! Estelle hält sich für unwiderstehlich. Natürlich hat sie sich Alice gleich unter den Nagel gerissen. Die beiden sind inzwischen richtig dicke