1. Kapitel – Kasimir
Dem stadtbekannten erfolgreichen Kommissar auf vier Pfoten steht heute wohl wieder einer dieser vergeudeten Tage bevor. Denn schließlich ist jeder Tag sinnlos, an dem ein kluger Kopf wie dieser, geschmackvoll in Rot-Weiß gestreift, nicht an einem neuen brisanten Fall arbeiten kann. Und leider sieht es nicht danach aus, dass sich das in nächster Zeit ändern könnte.
»Kasimir?«, flötet Linna aus dem Wohnungsflur. »Willst du mitkommen?«
Damit bin ich gemeint, der sich soeben zu Tode langweilende Detektiv ohne aktuelle Ermittlung. Ich hebe den Kopf und spitze die Ohren. Es ist spät am Nachmittag, und Linna ist vor nicht allzu langer Zeit von ihrer Arbeit nach Hause gekommen. Eigentlich hatte ich mich gerade auf der hübsch gemusterten Decke auf der Fensterbank platziert, sodass mich alle Nachbarn beim Vorbeigehen sehen können. Das gehört zu meinen Aufgaben – denn so demonstriere ich allen, die einen Blick herüberwerfen, dass hier Leute mit Niveau wohnen. Aber unter uns: Diese Aufgabe klingt wahrscheinlich spannender, als sie tatsächlich ist. Früher, ja früher war ich selbst damit vollkommen zufrieden. Aber die Dinge haben sich geändert in diesem Sommer, der nun seinem Ende entgegengeht. Ja, es hat sich wirklich vieles geändert.
Das denkt wahrscheinlich auch meine liebe Linna, als ich geschmeidig von der Fensterbank springe und zu ihr in den Flur gehe. Sie sieht mich nachdenklich an und murmelt: »Also, manchmal glaube ich wirklich, du verstehst, was ich sage. Früher hat es dich nie interessiert, wenn ich die Wohnung verlassen habe. Na dann … machen wir einen kleinen Ausflug?«
Ein Ausflug mit Linna ist immer noch besser, als hier allein in der Wohnung oder im Garten zu sitzen und zu grübeln.
Außerdem liebe ich es, wenn sie mir das Ziel unseres Ausflugs nicht gleich verrät. Denn dann kann ich, der weltbeste Detektiv auf Samtpfoten, einmal mehr ein wenig üben: nämlich zu kombinieren, wohin unser Gang uns wohl führen wird.
Ich beziehe Position vor der Wohnungstür und beobachte Linna bei ihren Vorbereitungen. Zuerst zieht sie die feinen, dünnen Lederschuhe mit den Absätzen an. Kombiniere: Sie hat nicht vor, eine längere Wanderung zu machen, bei der womöglich noch einige der Pfützen zu überwinden wären, die der Regen der letzten Tage hinterlassen hat.
Mit dem Auto werden wir aber auch nicht fahren, denn Linna nimmt zwar den Wohnungsschlüssel vom Haken neben der Tür, lässt den dicken schwarzen Autoschlüssel aber dort hängen. Als Letztes holt sie ihr Handy noch einmal aus der bereitliegenden Tasche und murmelt leise vor sich hin, was sie mit ihren geschickten, schlanken Fingern eintippt: »Bin etwas spät. Fangt ruhig schon mal mit der Maske an. Bis gleich! Linna.«
Und das ist nun wirklich der ausschlaggebende Hinweis. Um ihn zu verstehen, muss man allerdings wissen, dass Linna zwar diverse Freunde beiderlei Geschlechts besitzt – doch es gibt nur einen Menschen, mit dem sie die Leidenschaft für besagteMasken teilt: ihre beste Freundin Amelie.
Ich weiß also jetzt, wohin wir gehen werden! Und dagegen habe ich wirklich nichts einzuwenden. Um Linna meine Zustimmung zu signalisieren, streiche ich mit hoch erhobenem, elegant in Rot-Weiß gemustertem Schwanz um ihre Beine, und sie liebkost meinen Kopf, den ich an ihrer Hand reibe. Wie immer duftet sie herrlich nach Veilchen, und ihre Hände sind genauso weich und zart wie ihre Stimme. Ach, meine Linna ist wirklich ein außergewöhnlich reizendes Exemplar von Zweibeiner.
Und so verständnisvoll. »Ist doch bestimmt auch langweilig für dich, den ganzen Tag allein zu Hause – jetzt, wo dein Freund Kalle nicht mehr da ist.« Sie begreift instinktiv, dass das Leben eines stattlichen Katers nicht nur darin bestehen kann, sich auf der Fensterbank zu präsentieren