: Daniela Schenk
: Julia und Satine
: Ulrike Helmer Verlag
: 9783897419834
: 1
: CHF 13.50
:
: Erzählende Literatur
: German
: 309
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Inselferien - Sonnenstrand. Hier entspannt Julia, die sich vom Rechtsstreit mit ihrem Exgatten erholt, soweit ihre zwei Töchter und die exzentrische Herzensfreundin Berthe das zulassen. Ein paar Strandlaken weiter ruht Satine, deren Geliebte soeben einen Mann geheiratet hat ... Satines Schwäche für Heteras fatal, vor allem wenn eine rotblonde, heterosexuelle Julia ihr direkt über die Füße fällt. Eine Fischvergiftung, eine Fotositzung und einen Reifenwechsel später sind die Frauen sich näher gekommen, wofür nicht zuletzt das gewitzte Töchtergespann und Freundin Berthe gesorgt haben. Dann tut Julia etwas, was sie gewiss nicht vorhatte ... Ein herzerfrischendes und lebensprall lakonisches Buch über zwei Frauen, die das Glück haben, das zu bekommen, was sie nie gewollt haben.

Daniela Schenk recherchierte lange zu Verwechslungen und unglücklicher Liebe. Als Prinzessin im Schultheater erglühte sie für König Drosselbart. Er hatte raue Hände und erhörte sie nicht. Schon da zeichnete sich ab: Sie musste selbst Geschichten schreiben und sich von Prinzen verabschieden. 'Julia und Satine' (2004) wurde ihr erster Romanerfolg, es folgten 'O wüsste sie' (2006), 'Wir 4ever' (2008) und 'Diejenige welche' (2009 - alle: Helmer)

1. TeilHin


 

1. Kapitel ______Julia


Vergeblich – die Winde –
dem Herzen im Hafen –
weg mit dem Kompass –
weg mit den Karten!

Emily Dickinson

Eher findet ein Kamel durch ein Nadelöhr als Julia ihren Weg. Mit beängstigender Regelmäßigkeit biegt sie links ab, wenn sie nach rechts hätte gehen müssen; sie verpasst Türen, Abzweigungen und Einfahrten, übersieht Schilder und vergisst Namen und Adressen. Berthe war der Ansicht, dass man ihr ein Navigationssystem ins Hirn einbauen sollte, die Mädchen krümmten sich vor Lachen, wenn sie anstatt des Ausgangs die Tür zu einem Putzraum erwischte. Schon in ihrem siebzehnten Lebensjahr taufte sie rechts und links inlechtsundrinksum, was ihr in Deutschprüfungen und Aufsätzen Punkteabzüge bescherte. Im selben Jahr boykottierte sie die schulischen Orientierungsläufe, da sie es satt hatte, stundenlang in Wäldchen herumzuirren und von kleinen Hunden in die Wade gebissen zu werden. Sie fiel durch die Fahrradprüfung, sie fiel durch die Mofaprüfung und sie wäre ein drittes Mal durch die Autoprüfung gefallen, wenn sie nicht eine Affäre mit dem Fahrlehrer angefangen hätte. Sie versuchte sich ernsthaft im Kartenlesen, doch die Straßen begannen immer gleich mit den Eisenbahnlinien zu tanzen. Ihr wurde dabei so schwindlig, dass sie die Landkarten kurzerhand zu Einkaufszetteln zerschnitt.

Dann lernte sie den Deutschen Jürgen kennen, und wahrscheinlich wäre das mit ihm auch wieder nur eine kurze Geschichte geworden, wenn Jürgen nicht Doktor der Physikgewesen wäre und ihr in der zweiten Liebesnacht von der Theorie der Antimaterie erzählt hätte. Jürgen erklärte ihr, dass parallel zur Materie eine Antimaterie existiert, dass es für jedes Teilchen ein Antiteilchen gibt, dass die Teilchen dieser und jener Welt identisch sind, einzig die elektrische Ladung ist unterschiedlich. Während Jürgen weitererzählte und bald in Bereiche kam, in denen Julia nur noch Bahnhof verstand, jubelte es in ihr: Ihr verkehrter Orientierungssinn schien auf einmal einleuchtend – sie war eine Tochter der Antimaterie! Was in dieser Welt links und rechts war, war in der Gegenwelt lechts und rinks! Das hier war nur die Spiegelung ihrer wahren Landkarte.Deshalbschickte sie Touristen regelmäßig und unabsichtlich auf eine Reise ohne Wiederkehr,deshalbhatten sie die Pfadfinder schon am ersten Tag heimgeschickt! Die lehrreiche Liebesnacht hinterließ unauslöschliche Spuren in Julias Leben – sie schloss Frieden mit ihrem Herumirren, wurde schwanger, heiratete Jürgen, gebar eine Tochter und später eine zweite, aber das Eheleben war – obwohl Jürgen ihr weitere spannende Theorien aus der Physik erklärte – doch nicht das Gelbe vom Ei. Woraufhin Julia die Scheidung einreichte. Woraufhin Jürgen die Alimentezahlung nicht so im Griff hatte, was schließlich zu einem unschönen Rechtsstreit führte.

Nach monatelangem zermürbendem Hin und Her bekam Julia Recht. Darauf brauchte sie dringend Erholung und flog mit den Mädchen und Berthe auf eine Insel, wo sie umgehend das tat, was sie am besten konnte: Sie suchte vergeblich den Weg. Berthe saß schnalzend auf ihrem Koffer, während die Mädchen ein Spiel spielten, dessen Regeln Leandra festlegte und Denia nicht verstand. Angestrengt hielt Julia nach dem richtigen Weg Ausschau, aber sie hätte gerade so gut ein Kreuzworträtsel auf Suaheli lösen können.

»Julia, gaff nicht rum, konzentrier dich!«, brüllte Berthe.

Julia zeigte vage den schmalen Weg hoch. »Okay, gehen wir mal hier hinauf und dann biegen wir rinks ab, das sagt mir jedenfalls mein Orientierungssinn …«

Berthe lachte schallend, begleitet vom Gackern der Mädchen. Dann stemmte sie die Arme in ihre üppigen Hüften. »Jesses Maria, wir suchen seit zwei Stunden in einem Dorf herum, das höchstens hundert Häuser zählt! Und den Namen der Vermieterin hast du auch vergessen. Großartig ist das! Phänomenal!Wahnsinn

Julia zog die rote Schirmmütze tiefer ins Gesicht und warf ihren Töchtern einen verlegenen Blick zu. »Schaut weg, Mädchen, im Moment bin ich nicht euer Vorbild, sondern ein schreckliches Mahnmal.«

»Aber Mama, du bist doch nie und nimmer mein Vorbild, sondern Gabriela, die kann superweit spucken.« Leandra sprang auf und spuckte den Weg runter, »ich kann eben nur so weit.« Denia stand ebenfalls auf, spuckte an Leandra vorbei, mehrheitlich jedenfalls, und umschlang Julias Beine. »Mama, was ist ein Vorbild? Ich möchte lieber Piratin werden.«

Berthe schnaubte unüberhörbar.

»Berthe, hör auf damit, du bist kein Pferd«, sagte Julia, »du behauptest doch immer, dass du eine Hexe bist. Also stimm dich mal auf unsere Wohnungen ein! Wenn du schon dank deiner geistigen Führerin leere Parkplätze findest, könntest du auch unsere Wohnungen aufspüren.«

Berthe brummte. »So, so, plötzlich lobpreist Madame uns Hexen. Wer’s glaubt, wird rührselig!« Aber sie setzte sich trotzdem gerade auf, schloss die Augen und legte die Handteller auf die Schenkel.

Die Mädchen guckten mit offenen Mund zu. »Schläft sie jetzt?«, wisperte Denia.

»Nein, sie hört in sich hinein«, flüsterte Leandra.

»Was kann man denn da hören? Ich höre manchmal den Magen knurren oder ich furze –«

»Schnauze!«, donnerte Berthe. »Zieht su-bi-to den verdammten Reißverschluss in eurem Gesicht zu!«

Die Mädchen trollten sich widerwillig. »Mama, ich hab keinen Reißverschluss im Gesicht«, beschwerte sich Lea.

»Das ist nur eine Redensart«, raunte Julia ihr zu. »Seid jetzt still, Berthe macht nützlichen Hokuspokus.«

»Doofer Redensdingsbums ist das, du sagst immer, man darf nicht lügen, und es ist doch gelogen, wenn Berthe sagt, dass mein Mund einen Reißverschluss hat, oder siehst du irgendwo das Dings, woran man ihn zuziehen kann?«

»Eben nicht! Sonst hätte Berthe bestimmt schon dran gezogen!«

»Phu!« Denia drehte beleidigt ab.

Schließlich war Berthe auf die Fährte eingestimmt. Sie ächzte den steilen Weg hinauf, bog nach links, gleich wieder nach rechts, geradeaus, nochmals rechts, und murmelte »ja, ja!«, aber als sie am Ende des Dorfes vor einer heruntergekommenen Tankstelle stand, war das mit der Spur wohl nichts gewesen.

»Vielleicht hast du doch nur Fürze gehört«, mutmaßte Denia. Bevor sie ihre Theorie weiter ausführen konnte, hielt ihr Julia den Mund zu.

Berthe lief rot an. »Jesses Maria, diese Ferien sind schon jetzt totale Scheiße!«

»Scheiße darf man nicht sagen, sagt Mama«, wandte Leandra ein und machte mit ihren Armen Flügelbewegungen. Berthe wollte eben auf Leandra losgehen, als sie hinter ihr eine Stimme zu hören war: »Hola, usted son la señora Davide?Appartamento?« Sie drehten sich verdutzt um. Vor ihnen stand die hübsche Wiedergeburt der Frida Kahlo mit kunstvoll hochgestecktem Haar.

Berthe und Julia nickten gleichzeitig: »Si, si, ioJulia David –appartamento, si?«

Die kleine Frida bedeutete ihnen, ihr zu folgen, Julia wischte sich den Schweiß von der Stirn und packte ihren Koffer. »Berthe, eines steht fest: Deine innere Führung und mein Orientierungssinn sind der Stoff, aus dem die Albträume der Entdecker dieser Welt gemacht sind!«

Das Haus war neu, gelb und stand zuoberst im Dorf. Sie bezogen zwei Wohnungen, Berthe eine kleine und Julia die größere; davor breitete sich eine große Terrasse aus, von wo aus sie auf die Dächer des Dorfes und über das fruchtbare Land bis zum Meer sehen konnten. Die Mädchen zerrten ihre Spielzeuge hervor, um sie gleich wieder achtlos fallen zu lassen und die Nachbarschaft zu erkunden, Julia setzte sich an einen mächtigen Steintisch und genoss den Ausblick. Sie schnupperte die fremden Gerüche, räkelte sich in der herrlich lauen Luft, hörte das Lachen und Palavern ihrer Töchter und war glücklich. Aber bald wurde sie daran erinnert, wie vergänglich Glück doch war, denn Leandra erschien und streckte ihr jammernd die Hand entgegen, mit der sie eine Kaktusfeige gepflückt hatte. Das war nicht überraschend, Lea brachte dauernd Verletzungen nach Hause, so wie andere Kinder Rosskastanien oder schlechte Noten. Julia spielte mit dem Gedanken, ihrer Tochter gleich einen ganzen Verbandskasten an die Rippen zu montieren, das...